Wem gehörte das Land,
wer hat es bebaut
und wer hat damit spekuliert?

Zwischen Geld und Evangelium

Die Grundfrage ist bis heute aktuell: Sollen sich kirchliche Einrichtungen um eigene Einkünfte bemühen, um überhaupt arbeiten zu können - oder sollten sie lieber die Finger davon lassen und nichts anderes tun als in Armut das Evangelium zu predigen? Vor dieser Frage standen im 19. Jahrhundert die Missionare in Togo, vor ihr stehen heute Diakonien und Gemeinden, denen nicht nur das Wort, sondern auch die daraus folgende Tat wichtig ist. Und nicht anders als heutige kirchliche Einrichtungen versuchten die Missionare in den afrikanischen Kolonien beiden Ansprüchen gerecht zu werden.

Der Historiker Martin Pabst schildert in seiner Arbeit über „Mission und Kolonialpolitik“ den historischen Konflikt am Beispiel Togos. Eine Zusammenfassung seiner Bestandsaufnahme ergibt folgendes Bild:

Land stellte in Afrika einen großen Wert dar. Es gehörte nicht Einzelnen, sondern den jeweils dort lebenden Stämmen. „Herrenloses“ Land gab es nicht, auch wenn es von den Menschen zeitweise oder überhaupt nicht bewohnt und bewirtschaftet wurde. Die ersten vier von der Norddeutschen Missionsgesellschaft nach Westafrika entsandten Missionare kamen 1847 im damaligen „Togoland“ an – am Vorabend der Revolution von 1848 in Frankreich, Österreich und Deutschland. Mit dem Scheitern des Aufstandes und der darauf folgenden Restauration ging in Deutschland Bismarcks Stern auf, die religiöse Erweckungsbewegung, ein starker Anschub für die Mission unter den „Heiden“, fand viel Zulauf.

Bevölkerungswachstum, technische Entwicklung und ein wachsender Nationalismus führten zu dem, was heute mit dem klassischen Begriff „Imperialismus“ bezeichnet wird: Machtausweitung auf Kosten Anderer – nämlich zahlreicher Gebiete in Übersee. Deutschland folgte dem Beispiel Englands, Frankreichs und Hollands und sicherte sich zwischen 1884 und 1885 Kolonien in Südwest- und Ostafrika, in Kamerun und Togo.

„Unter Schutz gestelltes“ Land

Damit begann die Auseinandersetzung um die Nutzung des „unter Schutz gestellten“ TogoLandes. Die ersten Missionare benötigten nicht viel Land, um ihre zunächst kleinen Stationen aufzubauen. Alte Handelsniederlassungen von Europäern lagen hauptsächlich in der Küstenregion. Auch ihnen ging es nicht um Landbesitz, sondern um den einträglichen Warenaustausch. Für die Anlage von Plantagen wie in Südwest- und Ostafrika eignete sich Togo nur bedingt und in bestimmten Gebieten. Erfolgversprechender war es, die Einheimischen dazu zu bewegen, den Boden systematisch zu bearbeiten und so nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern für den Handel mit den Kolonialmächten zu produzieren.

Martin Pabst stellt fest: „Land konnte nicht nach europäischen Vorstellungen verkauft, sondern nur zur Nutzung übergeben werden. Ein Verkauf bedeutete für die Eingeborenen keine Eigentumsübertragung mit Aufgabe von Eigentumsrechten wie zum Beispiel dem Wohn- oder Bebauungsrecht. Auch war ein derartiger Verkauf in den Augen der Eingeborenen jederzeit rückgängig zu machen. Anlass für Konflikte war häufig gegenseitige Unkenntnis, aber auch bewusste Täuschung von Seiten der Käufer, aber auch teilweise von Seiten der Häuptlinge – dem Käufer wie den eigenen Stammesangehörigen gegenüber.“

Eine beliebte Praxis der Kolonialherren war die Erklärung zu ‚Kronland’ (der deutschen Krone unterstellt), womit die Macht der Häuptlinge eingeschränkt wurde, die nun nicht mehr unbewirtschaftete Gebiete nach ihrem Gutdünken vergeben durften. Häufig versuchten aber auch Regierungen, gerade zur Sicherung eingeborenen Besitzes, bewohntes Gebiet als ‚Kronland’ zu deklarieren, das sie den Eingeborenen dann unter ihrem Patronat zur Nutzung übergaben. Hierbei übersah man jedoch ebenfalls den emotionalen Wert, der dem Landbesitz zukam: Die Eingeborenen fühlten sich durch solche Maßnahmen häufig ihres Landes beraubt und zu Hörigen der Regierung degradiert.“ Sie wurden einerseits als Arbeiter gebraucht und sollten andererseits als selbstständige Bauern für den überseeischen Bedarf produzieren.

Die „fromme Firma“ und der Branntwein

 
Martin Pabst: „Die protestantischen Missionen fürchteten eine Gefährdung ihrer Missionsarbeit, wenn aus wirtschaftlich selbstständigen Eingeborenen abhängige Lohnarbeiter wurden. Aber auch christlich-humanitäre Motive lagen ihren Erwägungen zu Grunde, die eine Enteignung, Ausbeutung und Proletarisierung der Eingeborenen verhindern wollten; sie setzten sich vehement für den Erhalt der ‚Volkskultur’ ein. Christlich-humanitäre Motive waren aber durchaus auch bei einem Teil der Kaufleute gegeben: Johann Karl Vietor (1861 - 1934) war der typische Vertreter  des ‚christlichen Kaufmanns’, der eigenen Profit mit dem Wohle seiner eingeborenen Kunden zu verbinden suchte und deshalb zum Beispiel nicht mit Schnaps handelte.“ Die Bremer Firma Vietor war als „die fromme Firma“ bekannt. Sie beschäftigte nur Freiwillige und bezahlte sie, gemessen an damaligen Verhältnissen, gut.  

Im Reich waren inzwischen Kolonialgesellschaften mit unterschiedlichen Zielen entstanden: Ihnen ging es um die geografische Erkundung der Kolonien, um Werbung für den Kolonialismus oder auch um die  Förderung und Unterstützung der praktischen Arbeit in den Kolonien. Eine dieser Gesellschaften war die „Deutsche Togo-Gesellschaft“ (DTG). Zwischen ihr und der Norddeutschen Missionsgesellschaft (NMG) kam es 1902 zu einem Streit um Land. Die NMG, so die DTG, hätte ihr einen Landerwerb m Berg Agou melden müssen. Die NMG sah dazu keinen Anlass.

Die Kaufleute mischen sich ein

Zu der Zeit war Johann Karl Vietor Vorstandsmitglied der NMG. Martin Pabst: „Unter Führung J. K. Vietors protestierten daraufhin am 22. Dezember 1902 die kleineren Handelsfirmen Togos in einer Eingabe an die Kolonialabteilung gegen die Landansprüche der DTG, die den ‚legitimen Handel’ der Firmen und die Rechte der ‚fleißigen Eingeborenen’ gefährden würden. Eine zweite Eingabe folgte am 11. Februar 1903. Die kleinen Handelsfirmen, die sich 1902 im ‚Verein Westafrikanischer Kaufleute’ zusammengeschlossen hatten, fürchteten eine Gefährdung ihrer Handelsinteressen durch derartige Monopolbestrebungen der DTG wie aufgrund der sozialen Auswirkungen des Plantagensystems, wie sie sich in Kamerun immer deutlicher zeigten.“

In einem Gutachten forderte Vietor, die Regierung müsse „eine Art Vormundschaft über die Eingeborenen als den naturgemäßen Bebauern des Landes“ übernehmen und „alle Landverkäufe zu Spekulationszwecken verhindern“. Das entsprach weitgehend den Vorstellungen der NMG - obwohl sie ihrerseits ebenfalls Land kaufte. Waren die ersten Afrika-Missionare allein ihrer inneren Berufung auf einsame Posten unter den „Heiden“ gefolgt, so sah sich die nächste Generation mitten im Gerangel unterschiedlicher kolonialer Strömungen. Und so wie die Personen an den entscheidenden Stellen wechselten, so wechselte auch die Haltung der Missionsgesellschaft.

Martin Pabst erläutert die Hintergründe: „Man kann die Auseinandersetzungen in Togo und Kamerun als Gegensatz zwischen einem alten und einem neuen Kolonisationsmodell interpretieren: Die Kaufleute vertraten das traditionelle ‚Faktoreiensystem’. Sie hatten eine lange Tradition im Verkehr mit den Eingeborenen als – mehr oder weniger – gleichberechtigte Handelspartner und hatten sich nur zögernd in den 70er und 80er Jahren (des 19. Jahrhunderts) von antikolonialen Freihändlern zu Kolonialbefürwortern gewandelt, vor allem zur Sicherung der eigenen rechtlichen Position gegenüber den Eingeborenen wie der europäischen Konkurrenz. Sie sahen die Kolonialverwaltung vor allem als Schutzmacht und begrüßten Investitionen, die der Verbesserung der Infrastruktur dienten, wünschten jedoch das System des freien Handelsaustausches zwischen europäischen Fertigwaren und einheimischen Naturprodukten zu erhalten und ins Landesinnere auszudehnen.

Dagegen bildeten die Kolonialunternehmer eine von neuen wirtschaftlichen Prämissen bestimmte Interessengruppe. Sie setzten auf Kapitalexport, auf eine Umgestaltung der Kolonien auf die Bedürfnisse des Mutterlandes hin und auf Monopole, womit – wie in Kamerun – der freie Handel vielfach verhindert wurde. Sie befürworteten eine durchgreifende Umgestaltung der vorhandenen Sozialstrukturen, entweder durch ihnen im ‚Konzessionssystem’ verliehene Machtmittel oder durch staatliche Eingriffe.

Humanität und Geschäft

Allerdings waren auch die Kaufleute in Togo nicht frei von unternehmerischen Ansätzen gewesen: So hatte sich Johann Karl Vietor in den 90er Jahren der Plantagenwirtschaft an der Küste zugewandt, auf einem Regierungsgelände in Sebbe wie auf eigenen Kaffee- und Tabakplantagen bei Lomé, Klein-Popo und im Mono-Gebiet. Deren Erfolglosigkeit  bewog ihn jedoch, sein Geschäft durch Konzentration auf die Produkte der Eingeborenen und Vordringen ins Landesinnere zu expandieren; seine Plantagen hatte er in der Folgezeit aufgegeben… Vietor und die kleineren Togo-Kaufleute standen zur DTG gerade auch beim Ankauf von Eingeborenenprodukten in Konkurrenz… Auch humanitäre Motive im Sinne einer Erhaltung des eingeborenen Landbesitzes  waren, wiewohl sie Vietor nicht abzusprechen waren, sicherlich nicht von alleiniger Bedeutung.“

Die DTG musste 1910 im Rahmen eines großen Landaustauschvertrages Landverluste hinnehmen, was eine endgültige Absage an das Konzessions- und Großplantagensystem bedeutete. Martin Pabst: „Togo besaß damit vor dem Ersten Weltkrieg die die Rechte der Eingeborenen am meisten schützende Landgesetzgebung. Das energische Eintreten der NMG auf Seiten der Eingeborenen, das ihr oft Anfeindungen eingetragen hatte, hatte dazu beigetragen.“

Die NMG selbst kaufte Land offiziell für den Bau von Schulen, Kirchen und Gemeindeeinrichtungen. Dabei war sich der damalige Missionsinspektor August Wilhelm Schreiber 1912 durchaus der Vorteile von Landbesitz bewusst. Martin Pabst zitiert ihn so: „Jetzt sei in Togo ‚Land noch verhältnismäßig billig und leicht zu haben’. Der Verkauf von Kirchenländereien habe, wie die Geschichte lehre, schon ‚die wertvollsten Erträge gebracht’. Allerdings versäumte er nicht, sogleich relativierend hinzuzufügen: ’In Landspekulationen hat sich die Mission natürlich nicht einzulassen, es ist vielmehr eine glückliche Fügung, wenn gelegentlich ein günstiger Verkauf stattfinden kann.’“

Pabst zieht daraus den Schluss, „dass auch Schreiber sich der Nähe seiner Politik zur Landspekulation bewusst war. Schreiber riet den Missionaren, auf die Eingeborenen hinzuwirken, dass sie das Land ‚umsonst oder doch wenigstens sehr billig’ an die Mission verkauften, wenngleich alles ‚sehr ordentlich und ehrlich zugehen’ müsse. Dass Schreiber empfahl, auch größere Flächen aufzukaufen, um den Gemeinden die Möglichkeit für eigene Einkünfte zu sichern, kann auch dahingehend interpretiert werden, dass er auch Vorteile für die Missionen sah: Gewinn aus der Wertsteigerung der Grundstücke oder durch Abgaben der Bauern oder auch durch eine direkte Beteiligung am Verkauf der Produkte.“

Martin Pabst, der sich mit den Quellen eingehend beschäftigt hat, zieht folgendes Fazit: „Finanzielle Spekulation und ein Machtstreben nach innen und außen waren demnach bestimmend für die Landpolitik Schreibers. Wiederholt forderte Schreiber eine gleichberechtigte Stellung gegenüber den Landgesellschaften; man konnte daraus den Schluss ziehen, er wollte jenen nacheifern.“

Die Regierung schob den Landkaufplänen Schreibers einen Riegel vor. Die Missionen sollten nicht die mächtigsten Landbesitzerinnen in Togo werden. Auch die von Schreiber angesprochenen, im Land verstreuten Missionare hielten nichts von seinen Ideen. 1911 lenkte die Regierung ein und gestattete einen Kauf von 200 Hektar über einen Zeitraum von 30 Jahren, ansonsten solle die NMG lieber Land pachten. Schreiber wollte das nicht akzeptieren und bedauerte 1914, „dass die Plantage nun an die Katholiken gegangen sei“. Martin Pabst vermutet nach all dem zwei wesentliche Motive für Schreibers Streben nach Land: „Zum einen hoffte er dadurch, auch angesichts der ‚sehr großen finanziellen Schwierigkeiten’ der NMG auf einträgliche Gewinne. Zum andern war die Konkurrenzangst vor den Katholiken bestimmend, die ja zum Ende der deutschen Kolonialzeit die NMG etwa um das Doppelte überflügelt hatten.“

Vietor bietet Rabatt


Auch in ihrer Haltung zum Handel musste die Mission immer wieder zwischen theologischem Anspruch und materiellen Notwendigkeiten entscheiden. Speziell mit der „frommen Firma“ Vietor gab es eine enge Zusammenarbeit. Ein Gesichtspunkt war dabei sicherlich, dass Vietor kategorisch den Handel mit Branntwein ablehnte. Aber die Firma verschaffte der NMG auch finanzielle Vorteile. Den Vorschlag, Missionare und Missionsgut zu 40 Prozent Ermäßigung nach Keta zu befördern, nahm sie gern an „und 1857 wurde das Schiff ‚Dahomey’ vom Stapel gelassen, das Missions- und Handelszwecken diente. Ein Mitarbeiter der NMG wurde gleichzeitig Agent der Handelsfirma; die Aufgabenbereiche waren aber streng voneinander getrennt. ‚Friedrich M. Vietor und Söhne’ nutzten also die Missionsstation als Wegbereiter für die Anknüpfung von Handelsbeziehungen.“

Doch Martin Pabst stellt gleichzeitig fest, dass die Missionare vor Ort in Keta mit dieser Vereinbarung gar nicht einverstanden waren: „Widerstand gegen ein direktes Engagement der NMG in Handelsgeschäften war im Laufe ihrer Geschichte immer wieder zu beobachten: Als Missionar Seeger 1892 begonnen hatte, in Ho gezogenen Kaffee zu exportieren, wurde ihm dies auf Wiesung Zahns (gemeint ist Missionsinspektor Franz Michael Zahn) untersagt, und auch die Eröffnung einer Missionsbuchhandlung im Jahre 1909 in Lomé zur Verbreitung christlicher und ‚moralisch hochwertiger’ Literatur war in der NMG ausgesprochen umstritten.“

Die Zusammenarbeit mit Vietor verhalf der NMG zu hohen Einnahmen. Vietors Großzügigkeit  und gute Beziehungen zu kolonialen und kaufmännischen Kreisen ließen die Zuwendungen reichlich fließen. „Die Praxis der NMG“, so auch das Fazit des Autors Martin Pabst, „mit Handelskreisen zu kooperieren, sich aber nicht selbst wirtschaftlich zu engagieren, wirkte sich für ihr Ansehen sicher vorteilhaft aus. Allerdings war die finanzielle Basis der NMG dadurch sehr schmal und die Abhängigkeit von den Wünschen der sie unterstützenden Kaufleute war sicherlich gegeben.“

Zusammengefasst aus: Martin Pabst:  "Mission" und Kolonialpolitik : die Norddeutsche Missionsgesellschaft an der Goldküste und  in Togo bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges. München Verlagsgemeinschaft Anarche, 1988