„Und wenn ein Löwe kommt?“
Das Projekt „Zusammenklänge“


Jean-Paul Nenonene ist Musiklehrer der Evangelischen Kirche in Togo. Von September 2008 bis Juni 2009 ist er in Gemeinden der vier deutschen Mitgliedskirchen der Norddeutschen Mission zu Gast. So hat er unter anderem in Bremen, Lübeck, Delmenhorst und Bad Salzuflen mit Chören, Posaunisten, Kindergartenkindern, Konfirmanden und Senioren gearbeitet und Musik gemacht. Einige dieser neu gewonnenen Sängerinnen und Sänger treten mit Jean-Paul Nenonene als Projektchor „Zusammenklänge“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag im Mai in Bremen auf. Heike Jakubeit, Pastorin der Oldenburgischen Kirche, berichtet vom Besuch des 53-jährigen Togoers in ihrer Gemeinde Schwei.

„Und was macht Ihr, wenn ein Löwe kommt?“, fragt Dennis. Gelassen lächelt ihn Jean-Paul an, „Na, dann laufen wir weg.“ „Und wenn viele wilde Tiere kommen?“ „Wir gehen gar nicht dahin, wo sie sind.“ Jede Frage, ob in der Schule, im Kindergarten oder im Gemeindekreis, beantwortet unser Gast aus Togo geduldig und rückt dabei so manches Afrikabild in den Köpfen zurecht. Ach, die Menschen in seinem Land leben gar nicht alle in Strohhütten? Was, nicht nur Schulen gibt es, sondern sogar Universitäten? Am Abend sitzen gar nicht alle zusammen draußen am Feuer, sondern, in den Städten, auch vor ihrem Fernseher?

Dass es wohl doch einen bedeutenden Temperaturunterschied geben muss, verstehen auch die Kleinsten ganz schnell. Ihr Trommellehrer trägt auch im geheizten Raum eine Winterjacke. Darunter verbirgt sich ein halbes Dutzend anderer Oberbekleidungsstücke. Viel zu kalt ist es bei andauernden Minusgraden im Dezember in der Wesermarsch. Aber beim Spielen der verschiedenen Rhythmen und beim Singen wird auch ihm wieder etwas wärmer und er beginnt, sich wie eine Zwiebel zu häuten.

Die Konfirmanden halten sich etwas zurück mit ihren Fragen, hören aber gespannt zu, als Jean-Paul vom Unterricht für die Jugendlichen in den Gemeinden unserer Partnerkirche berichtet. Selbstverständlich geht man jeden Sonntag in den Gottesdienst, der mindestens um ein zwei Stunden länger gefeiert wird als bei uns – und man besucht auch unter der Woche morgens die Andacht vor der Schule. Schnell wird deutlich, dass die Konfirmation am Ende vor allen Dingen etwas mit einer Entscheidung zu tun hat, die auch eine entsprechende Haltung fordert: „Wenn die Christen kein gutes Beispiel geben, wer denn sonst? Daran sind sie doch zu erkennen.“ Für die Jugendlichen in einer Region, in der es nie eine Erweckungsbewegung gab - und manche sagen, dass derjenige, der zur Kirche rennt es ja wohl nötig haben müsse - wahrhaftig etwas zum Nachdenken. Immer eindrücklich und mit Autorität erzählt und unterrichtet der togoische Musikpädagoge. Das spricht die Menschen an. So entdeckt die kleine Aukje in der regionalen Presse auch nur das Foto von Herrn Nenonene im Kindergarten, nicht aber das ihrer Mutter, das aus einem anderen Anlass auf derselben Seite zu finden ist.

Besonders die Pausen in Stille zur Sammlung der Konzentration bei den Trommelworkshops lösen Vieles aus - und lösen Vieles. Danach geht es tatsächlich viel besser mit dem Handsatz und dem Rhythmus. „Das finde ich so toll, dass wir diese Pausen machen“, sagen die unterschiedlichen pädagogischen Fachkräfte in der Schule und im Kindergarten. „Wir haben ganz vergessen, wie wirkungsvoll das ist.“ -und so etwas wie: „Genau das brauchen wir für den Mathematikunterricht, das Trommeln.“ Offenbar geht es um Grundfertigkeiten und Vernetzungsfähigkeiten, die unter Grundschülern insgesamt stark abgenommen haben. Wo sind die alten Kinder- und Fingerspiele und Reime? Die könnten helfen. Aber auch ohne sie wollen die Kinder mittrommeln. Das ist gar nicht so leicht. Wo war eigentlich noch einmal rechts? Und warum macht die linke Hand etwas, obwohl sie das jetzt gar nicht soll? „Konntest Du schon immer trommeln?“ fragen die Kinder Jean-Paul. „Eigentlich habe ich schon alles mitgehört, als ich im Bauch meiner Mutter war. Danach hatte ich das Glück, eine Trommel zu haben, und ich habe einfach angefangen zu spielen. Aber nicht jeder in Afrika hat eine Trommel. Wenn man Lust hat, zu spielen, und keine hat, dann nimmt man zwei Stöcke oder etwas anderes.“ Was für den Rhythmus gilt, ist auch für das Singen dasselbe: es fällt schwer. Dass die Kinder verhalten bis gar nicht singen, fällt unserem Gast auf. „Singen die Mütter ihren Kindern denn gar nichts vor? Nicht einmal die kleinsten Wiegenlieder? Ich glaube, darüber werde ich noch etwas schreiben, wie wichtig das ist.“

Selbst bei den gestandenen Sängerinnen und Sängern des Projektchores scheinen da noch Defizite zu sein. Bei der ersten Probe klingt zu Beginn alles ein wenig aufgeregt und piepsig und so gar nicht nach einer gemeinsamen Melodie. Ist es, weil man bei dem Chorleiter aus Togo beim Singen entspannt sitzen bleiben darf? Oder liegt es am Text, der für die eine oder den anderen eher ein Zungenbrecher ist? Das Festhalten am Blatt Papier nützt auch nichts –außerdem soll nach Gehör gesungen werden. „Blätter weg!“ Wenn er nichts sagt, dann war es schon ganz gut. Und schließlich klingt das erste einzustudierende Lied zart und dennoch volltönend mit „Subo, subo“ an. Der Dirigent lächelt und singt schließlich die Tenorstimme. Geht doch! Bei der Generalprobe kommt noch die Bewegung im Rhythmus dazu: Weltmusik in Schwei, einem kleinen Dorf am Jadebusen.

„Musik allein ist die Weltsprache und braucht nicht übersetzt zu werden.“, sagt Berthold Auerbach, ein deutscher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Auch manche Menschen müssen nicht übersetzt werden, weil sie in Haltung und Ausdruck so unmissverständlich sind, dass sie die Herzen der anderen berühren. Jean-Paul gehört zu ihnen. Die Schweier werden ihn nicht so schnell vergessen. „Wo ist er denn nun? Was macht er denn jetzt?“ fragen neben seinen Gasteltern, die er liebevoll seine Eltern nennt, viele. Der Schweier Singkreis singt schon nicht mehr so tief, weil Frauen wie Frauen singen sollen. „Eine absolute Bereicherung in vielerlei Hinsicht“, sagen die Mitglieder der einzelnen Gemeindekreise.

Und wenn mal wieder einer aus Afrika kommt? Dann gehen die Schweier ihm bestimmt entgegen.

Heike Jakubeit