Frauen in Togo entwickeln
mit einfachen Maßnahmen
Perspektiven für ihre Dörfer.

Als Praktikant von Dorf zu Dorf

Jakob Gleim aus Bremen weiß jetzt, was man vorbeugend gegen Schlangenbisse tun kann: nicht auf Bäume klettern, nicht barfuß durch Gebüsch und hohes Gras laufen, abends Taschenlampen mitnehmen, damit man sieht, wo man hintritt. Gelernt hat er das in Togo/Westafrika, wo er ein freiwilliges soziales Jahr verbracht hat. Ermöglicht und organisiert hat das die Norddeutsche Mission mit ihren in über 170 Jahren gewachsenen Beziehungen zu den evangelischen Kirchen in Togo und Ghana.

Der junge Bremer hat Aufzeichnungen mit nach Hause gebracht, die einen Eindruck von der Basisarbeit dieser Kirchen in den ländlichen Regionen Togos vermitteln. Und noch etwas hat er mitgebracht: Hochachtung vor den Menschen, die praktisch, engagiert und auf die jeweils vorgefundene Situation eingehend Frauen und Kinder in ihren dörflichen Zusammenhängen fördern und unterstützen. Die Eglise Evangélique Presbytérienne von Togo ist Trägerin vieler kleiner Projekte, mit denen Bildung, medizinische und hygienische Versorgung, Entwicklung in Wirtschaft und Landwirtschaft ins Leben gerufen und unterstützt werden.

Jakob Gleim berichtet vom Projekt mit der Abkürzung COPFEDES, dem „Collectif Protestant des Femmes pour le Developpement et la Solidarité“ (Evangelischer Frauenverband für Entwicklung und Solidarität). Die Organisation begleitet Frauengruppen in unterschiedlichen Regionen Togos, hilft bei der Alphabetisierung, in der medizinischen Versorgung von Müttern und Kindern, bei der Sorge für sauberes Trinkwasser. Außerdem sucht sie zusammen mit den Frauen nach Arbeit, die diesen ein kleines Einkommen sichert. Wie der Alltag der „Animatrices“, der verantwortlichen Multiplikatorinnen, aussieht, das hat der Bremer aufgeschrieben:

Auf dem Motorrad mit Madame Christine


Sehr früh schon holte mich Madame Christine in meiner Herberge ab, und es geht auf ihrem Motorrad los auf die Nationalstraße in Richtung Süden. Nach etwa 45 Minuten rasanter Fahrt, in denen wir 55 Kilometer zurücklegen, kommen wir in Sotouboua an. Hier verlassen wir die Nationalstraße und nehmen eine Piste in Richtung Osten. Nach einer weiteren halben Stunde erreichen wir unser Ziel, das Dorf Bogo. Hier hat COPFEDES seine Arbeit gerade erst begonnen. Wir klopfen uns die rote Erde aus den Kleidern und werden sehr freundlich von den lokalen Animateurs und Animatrices in Empfang genommen. Wir sind etwas zu früh, die Frauen sind noch nicht von der Feldarbeit zurückgekommen. Ich habe also Zeit, einen ersten Eindruck von einem Dorf in Togo zu bekommen.

Schon auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass das Leben hier nicht einmal ansatzweise mit dem zu vergleichen ist, das meine Nachbarn und ich in der Stadt Kpalimé führen: Massenweise Kinder spielen überall und sind zudem kaum richtig bekleidet. Das Klischeebild, dessen sich die Hilfsorganisationen oft bedienen – hier ist es Realität. Die Familien leben in kleinen Gehöften, Ensembles aus Häusern und Hütten für Frauen, Kinder, Vorräte und Vieh. Überall laufen die unterschiedlichsten Tiere frei herum, von Schweinen über Perlhühner bis zu Hunden. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser.

Nachdem die Frauen von den Feldern zurückgekehrt sind, treffen sich alle vor dem Haus des „Chefs“. Hier lerne ich den ersten „Häuptling“ meines Lebens kennen, der mich herzlich in seinem Dorf willkommen heißt. An der nun folgenden Versammlung nehmen vor allem die Frauen aktiv teil, aus dem Hintergrund jedoch und mit scheinbarem Desinteresse ganz genau von ihren Männern beobachtet. Die Animateure stellen sich vor, die künftigen Leiterinnen werden präsentiert, die Projekte und Absichten von COPFEDES der Dorfgemeinschaft unterbreitet. Für die Umsetzung müssen Strukturen aufgebaut werden. Ich verstehe kaum etwas, denn die Versammlung wird auf Kabye, der lokalen Sprache, abgehalten. Nach einer Weile ist aber alles geregelt, sind alle Aufgaben verteilt. Auch ein „Alphabetisateur“ hat sich finden lassen, ein alter Mann, der den Frauen auf  Kabye Lesen und Schreiben beibringen wird.
 
Am Nachmittag versammeln sich rund 80 Kinder des Projekts „Enfant pour Enfant/EPE“ („Kinder für Kinder“) in der Kirche, einem Bretterverschlag, in dem es nicht einmal auf beiden Seiten Bänke gibt, ganz zu schweigen von einem Altar. Die Animateure stellen uns vor und ich werde zum ersten Mal zum „Tonton Jakob“, zum „Onkel Jakob“, erhoben. Ein älteres Mädchen, das zur Schule geht und Französisch kann, übersetzt meine Erklärung, warum ich hier sei, in Kabye. Dann beginnen die Kinder ihr normales Programm.

Zuerst werden viele Lieder sehr laut gesungen. Die Kinder haben sie gedichtet zu Themen, die sie selbst betreffen, zum Beispiel Hygiene: „Wasch, wasch, wasch deinen Körper und deine Kleider, putz überall, vermeide Läuse und du wirst glücklich sein.“ Das Thema wird noch in einem kleinen Sketch verdeutlicht: Eine Mutter wäscht ihre Kinder regelmäßig, eine andere nicht. Die einen Kinder sind glücklich, die anderen müssen sich ständig kratzen und sind unglücklich. Endlich versteht die „schlechte“ Mutter, dass sie ihre Kinder waschen muss. Nach dem Sketch werden die Kinder aufgefordert, zu sagen, was sie verstanden haben. Eine lebhafte Diskussion beginnt. Madame Christine und ich aber machen uns auf den Heimweg, denn wir wollen nicht in die Dunkelheit geraten.

Fünfzigjährige auf der Schulbank


Zum Programm von COPFEDES gehören auch Alphabetisierungskurse. Wieder geht es mit Madame Christine auf die Nationalstraße, diesmal in ein Dorf mit dem Namen Babade. Hier ist COPFEDES bereits seit drei  Jahren tätig, hat sogar ein eigenes Gelände mit Fußballplatz, Toiletten, einem Brunnen und einem kleinen Haus. Nach der Feldarbeit, um neun Uhr, versammeln sich die Frauen zum Unterricht. Einige haben ihre Säuglinge und Kleinkinder mitgebracht. Der Lehrer beginnt, die bereits durchgenommenen Buchstaben an die Tafel zu schreiben. Es ist irgendwie rührend anzusehen, wie die Frauen zwischen etwa 30 und 50 Jahren, die größtenteils nie zur Schule gegangen sind und auch kein Französisch können, hier die Schulbank drücken und mühsam lernen, Wörter in ihrer Sprache, also in Kabye, zu buchstabieren.

Zweimal wöchentlich treffen sie sich für jeweils zwei Stunden, um das nachzuholen, was ihnen in ihrer Jugend nicht vergönnt war. Hier in Babade stehen sie noch ganz am Anfang, aber nach einiger Zeit werden sie nicht nur lesen und schreiben können, sondern auch elementares Rechnen lernen. Ganz am Schluss ihrer Ausbildung  soll dann ein Lehrgang stehen, der den Frauen vermittelt, wie sie  kleine Geschäfte aufmachen können, zum Beispiel eine Garküche. Sie lernen, ihre Einnahmen und Ausgaben aufzuschreiben, um zu erkennen, ob sie überhaupt profitabel arbeiten – und wenn nicht, wo die Probleme liegen.

Heute habe ich verstanden, wie sinnvoll es ist, diesen Frauen die Möglichkeit zu geben, lesen und schreiben zu lernen. Sie wären sonst von jeder gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen und könnten ihre eigenen Geschäfte kaum selbst regeln. Ich habe aber auch gesehen, dass es den Frauen Spaß macht, etwas zu lernen und dass sie, wenn sie lesen und schreiben können, ihren Ehemännern etwas voraus haben – und notfalls auf eigenen Füßen stehen können. Denn im Dorf  Todzi, das Madame Christine und ich an einem anderen Tag besuchen, heißt das Thema: „Was ist, wenn der Mann seiner Familie kein Geld gibt?“

Wieder  wird zunächst ein kleines Rollenspiel dargeboten, in dem der Mann alle Feldfrüchte der verzweifelten Frau verkauft und den Erlös vertrinkt. Das Thema scheint einen Nerv zu treffen, denn auf den Sketch, der mit viel Begeisterung und Heiterkeit aufgenommen wird, folgt eine lange und energische Diskussion. Leider nimmt Madame Christine daran sehr aktiv teil und kann mir nicht übersetzen, was gesagt wird. Ich bekomme nur mit, dass sich die Frauen am Ende einig sind: Der Mann müsse zwar ehrerbietig behandelt und höflich gebeten werden, aber die Frau müsse auch selbstbewusst auftreten, um ihre eigenen Interessen und die ihrer Kinder zu schützen. Anschließend hält Madame Christine einen Vortrag über die Möglichkeiten, selbst Geld zu verdienen und so ein wenig unabhängiger von den Männern zu werden. Das ist ein Schwerpunkt des COPFEDES-Projekts „Autopromotion de la femme“ (frei übersetzt etwa „Vorwärtskommen/Selbstverwirklichung für Frauen“). Dazu werden regelmäßig Fortbildungen und Workshops angeboten. Heute spricht Madame Christine zum Beispiel über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten bei der Beschaffung des nötigen Startkapitals.

Die moderne Feuerstelle - aus Lehm gebaut

Traditionell kochen die Frauen in Togo mit drei Steinen, auf die sie einen Topf stellen, unter dem ein Holzfeuer entfacht wird. Holz ist jedoch in Afrika ein wertvoller Rohstoff, dessen Kraft bei dieser Arbeitsweise nicht voll ausgenutzt wird. COPFEDES schlägt eine andere, sparsamere Feuerstelle vor: aus Lehm gebaut, fast ganz geschlossen, so dass die Hitze optimal unter dem Topf gebündelt wird. Im Dorf Kemerida ist es Madame Martine, Katechetin und COPFEDES-Verantwortliche, die die Frauen in diese Art zu kochen einführt.  

Zehn Frauen sind bei unserer Ankunft schon eifrig dabei, den Lehm vorzubereiten. Sie vermischen rote  Erde mit klein geschnittenem Stroh, mit Spreu und Wasser. Heute wollen sie insgesamt sechs neue Feuerstellen bauen. Dafür haben sie sich den ganzen Tag von der Feldarbeit „frei genommen“. Zunächst wird ein erster großer Ofen im Innenhof eines Hauses errichtet, auf dem bald das Tschoukotuk, das lokale Hirsebier, gebraut werden soll. Nach einer guten Stunde ist der Ofen – unter strenger Anleitung und Kontrolle durch Madame Martine – fertig gestellt und wir ziehen weiter in die Küche einer der Frauen.

Hier sollen gleich zwei neue Feuerstellen entstehen. Zusammen mit den Frauen werfe ich aus voller Kraft Lehmbrocken auf die Grundstruktur des Ofens. Mit Machete und Spachtel begradigt die handwerklich äußerst geschickte Madame Martine, die bei der kleinsten Nachlässigkeit sofort eingreift, unseren Rohbau. Doch sie ist zufrieden, lässt die Frauen allein weiterziehen zur nächsten Baustelle und macht sich mit mir zusammen auf den Rückweg.

Und was liegt an für nächste Woche?

Jeden Dienstag versammelt sie ihre beiden hauptamtlichen Animatrices, Mireille und Rachel, sowie den ebenfalls hauptamtlichen Animateur Severin im COPFEDES-Büro zur Wochenkoordination. Zunächst halten wir eine kleine Meditation zusammen, dann werde ich vorgestellt und danach beginnt die Sitzung: Probleme aus der vergangenen Woche werden erörtert, es geht um die Frage, in welchen neuen Dörfern die Organisation ihre Arbeit beginnen möchte. Dazu müssen Informationen zusammengetragen werden: Was sind die Probleme des Dorfes? Was die Möglichkeiten und Chancen? Welche Organisationsstrukturen sind bereits vorhanden, die man nutzen kann? Zum Schluss wird das Programm für die kommende Woche festgelegt.

Am Sonntag nehmen Mireille, Severin und ich am Erntedank-Gottesdienst in Kpanzinde teil. Gemeinsam mit den Frauen und Männern des Dorfes versammeln wir uns um neun Uhr morgens in der winzigen Kirche, in der die Gemeinde auf gemauerten Steinblöcken statt auf Bänken sitzt. Die Kirche ist gerammelt voll und nach einer verhältnismäßig kurzen Predigt  des Katecheten beginnt die große Versteigerung der Lebensmittel, die die Bauern zum Dank für die Ernte der Kirche gestiftet haben: Yams, Mais, Orangen, Reis und Hirse und sogar ein lebendes Perlhuhn, das Mireille ersteigert und das danach leise gurrend in ihrer Tasche liegt.
In jedem der Dörfer, die wir besuchen, werden wir mit einer Gastfreundschaft aufgenommen, die ich nicht vergessen werde. Und ich bin tief beeindruckt von der Kraft und dem Engagement, das einerseits die Animateure von COPFEDES bei der Arbeit mit den Frauen und Kindern aufbringen, und andererseits von der großen Bereitschaft seitens der Frauen und Kinder, an den Projekten mitzuarbeiten und Vieles selbst zu gestalten. Es ist bewundernswert, wie alle – seien es Kinder, Frauen oder auch die Männer, zusammenarbeiten, um in ihren Dörfern etwas zum Guten zu verändern.