Afrikanische Theologen haben sich erst spät
mit den religiösen Vorstellungen
ihrer Vorfahren beschäftigt –
und kritisieren die Missionare,
die altes Brauchtum als „heidnisch“ abqualifizierten.

Verlorene Vergangenheit

Die ersten Missionare waren gründlich: Mit Stumpf und Stiel wollten sie die alten Glaubensvorstellungen der Menschen im heutigen Togo und Ghana ausrotten. Bei vielen ist ihnen das gelungen. Dabei wurden aber auch naturreligiöse Vorstellungen und altes Brauchtum mit über Bord geworfen, die zur reichen Kultur Afrikas gehören. Erst etwa hundert Jahre später fiel jungen schwarzen Theologen auf, dass es für ihre Vorfahren eine jenseitige Welt gegeben hatte, von der sie als Kinder christlicher Familien nie etwas erfahren hatten. Und sie stellten fest, dass es keinerlei Austausch, keinen Dialog zwischen der afrikanischen und der christlichen Kultur gegeben hat – was vielleicht einen Grund in Sprachschwierigkeiten, aber vor allem seine Ursache in der Überzeugung hatte, mit dem Christentum die einzig richtige Religion auf den schwarzen Kontinent zu bringen. Alles Afrikanische wurde als „heidnisch“ abgetan.

Erst in den späten 1950er Jahren machte sich ein junger Theologe mit Namen Seth Nomenyo an die Arbeit, das religiöse Erbe seiner Vorfahren zu erforschen. Ihm folgten andere nach. Jeder hatte dabei seinen eigenen Schwerpunkt, unter dem er auf Entdeckungsreise in die spirituelle Geschichte seines Volkes eintauchte. Der Bremer Pastor Erich Viering, selbst von 1960 bis 1968 Mitarbeiter der Evangelisch-Presbyterianischen Kirche von Togo und dort liebevoll „Vieringi“ genannt, hat die wissenschaftlichen Examensarbeiten von sechs afrikanischen Theologen gelesen. Deren Hauptquelle war eine umfangreiche Arbeit des deutschen Missionars Jakob Spieth (1856 – 1914), der sich intensiv mit der Kultur der Ewe beschäftigt hatte. Er hatte 1909 einen 1042 Seiten starken Band über deren Glaubenswelt herausgegeben und dazu angemerkt, dass er noch genug Stoff für zwei weitere Bücher habe. Teile dieses Materials erschienen 1911 unter dem Titel „Die Religion der Eweer in Südtogo“.

Allerdings ist diese Quelle unzureichend. In der Zeit, als Spieth sein Wissen zusammentrug, scheuten die Leute davor zurück, den fremden Weißen Auskünfte über ihre Götter zu geben. Sie glaubten, dass sie dann zur Strafe von Unheil getroffen werden könnten. Diese Furcht ist immer noch latent vorhanden. Aufgabe der Kirchen ist es deshalb heute, Nichtchristen und ihre religiöse Welt ernst zu nehmen, ihnen aber gleichzeitig von der Liebe Gottes und von Jesus Christus zu berichten - und beispielhaft entsprechend zu handeln. In diesem Sinne entwickelt die evangelische Kirche in Togo inzwischen eigene christliche Liturgien für bestimmte, traditionell afrikanische Rituale wie zum Beispiel die Vorstellung eines neugeborenen Kindes oder für Trauerfälle.

In den Arbeiten der sechs afrikanischen Theologen schwingt die Kritik an den Missionaren und auch an der eigenen Kirche mit: Man sei einer Begegnung mit dem überlieferten Brauchtum aus dem Wege gegangen. Erich Viering fasst zusammen:

„Ob die Kritik an den Ausführungen europäischer Missionare in allen Punkten voll berechtigt ist, sei dahingestellt; sie muss zu einem guten Teil in ihrer Schärfe aus der Situation der Verfasser verstanden werden, die sich bei der Erhellung der Kultur ihres eigenen Volkes nicht nur auf europäische Quellen, sondern auch auf die Methoden europäischer Wissenschaft und schließlich noch auf die Beurteilung ihrer Arbeiten durch europäische Professoren angewiesen sahen. Das hat sicher zu einer gewissen Frustration geführt.

Sie haben sich daher intensiv darum bemüht, auch einheimische, nur ihnen zugängliche Quellen zu benutzen. Vor allem Dorf- und Kirchenälteste sind es, die von ihnen um Auskunft gebeten wurden. Was sie über zum Teil schon in der Vergangenheit versunkene Glaubensvorstellungen, Sitten und Gebräuche  mündlich berichten, wird schriftlich festgehalten. Seth Nomenyo ist der einzige, der sich dabei auch auf schriftliche Dokumente berufen kann. Wir müssen die Frage stellen: Haben sich die Zeiten inzwischen so sehr geändert, dass Anhänger überlieferter Stammesreligionen unbefangen Auskunft über ihre Götter geben? Die Gewährsmänner, die genannt werden, sind zu einem guten Teil Christen. Ist allem, was sie sagen, ganz zu trauen? Ist ihr Bericht vollständig? Offenbar nicht. Seth Nomenyo und sein Kollege Seth Sevonu jedenfalls klagen darüber, wie schwierig es sei, Informationen zu erhalten, weil die Alten auf recht unterschiedliche Weise antworten und weil außerdem jeder, der Außenstehenden überliefertes Brauchtum enthülle, der Traditionen der Ahnen untreu werde und damit rechnen müsse, von Schicksalsschlägen verschiedener Art ereilt zu werden.“

Das Tabu, über die eigene Götter-, Geister- und Dämonenwelt zu sprechen, galt demnach auch noch für die jungen Theologen aus dem eigenen Volk. „Keiner der Verfasser erhebt im übrigen den Anspruch, ein rundes Bild seiner Volkstradition zu entwerfen“, stellt Erich Viering fest. „Alle weisen sie in ihren Vorworten darauf hin, es gehe ihnen darum, das so notwendige Gespräch zwischen Kirche und Religion in Gang zusetzen. Von daher kann man nur wünschen, dass die Arbeiten, die auf jeden Fall auch ein beträchtliches Mehr an Informationen über Religion in Togo bieten als bisher vorhanden war, vor allem in der Christenheit Togos selbst Beachtung finden.“
Auch in diesem Zusammenhang gilt also die historische Weisheit, dass, wer die Vergangenheit nicht kennt, auch nicht in der Lage ist, Zukunft zu gestalten.