Eine Musik aus zwei Kulturen:
Jean-Paul Nenonene ist Leiter
eines deutsch-afrikanischen Chorprojekts
mit historischen Wurzeln
.

Trommeln und Posaunen

In deutschen Gottesdiensten ist es nicht üblich, sich im Takt der Musik zu wiegen oder mit den Füßen zu wippen. Hier herrschen stille Andacht und Ernsthaftigkeit. Aber manchmal, an besonderen Tagen, hält es die Menschen in der einen oder anderen norddeutschen Kirche nicht still auf den Bänken. Sie müssen sich einfach im Takt der Musik wiegen und mit den Füßen wippen. Das sind dann die Momente, in denen sie den Rhythmen der Bongos und der Trommeln erliegen, die von schwarzen Händen geschlagen werden: Die Afrikaner sind da, es herrscht musikalischer Ausnahmezustand.

Gottesdienste in Togo oder Ghana und Gottesdienste in Norddeutschland – größer konnten die Gegensätze anfangs nicht sein. Zwei musikalische Welten trafen aufeinander, als die ersten Blechblasinstrumente über die Norddeutsche Mission (NM) in den beiden westafrikanischen Kirchen ankamen und als später die ersten Chöre aus dem ehemaligen Missionsgebiet zu Gast in Deutschland waren. Wenn heute „Afrika-Sonntag“ in den deutschen Mitgliedskirchen der NM gefeiert wird, dann sind die Gotteshäuser gerammelt voll und die Menschen wiegen sich im Takt. Die Musik hat in Jahren erreicht, was mit Predigten, Fotos und Berichten Jahrzehnte gedauert hat: eine Vorstellung vom Lebensgefühl der Menschen in Togo und Ghana zu vermitteln und davon, wie Gottesdienste auch sein können. „Deutschland braucht auf diesem Gebiet Mission“, sagen immer wieder die musikalischen Botschafter der evangelischen Kirchen in Togo und Ghana.

Dort sind die europäischen Posaunen und Trompeten eine Bereicherung des musikalischen Lebens, in Deutschland sind es die Trommeln – und aus beidem ist dank engagierter Musiker und Musiklehrer auf beiden Seiten ein Zusammenklang entstanden, der zu einem wichtigen Pfeiler der „Brücke für Afrika“ geworden ist. Auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2009 in Bremen kann man diesen Pfeiler wahrnehmen als einen klingenden und zugleich informativen kulturellen Beitrag aus der NM.

Ein Wanderer zwischen den musikalischen Welten

Einer der unermüdlichen Vermittler zwischen beiden musikalischen Welten ist Jean-Paul Nenonene, Musiklehrer der Evangelisch-Presbyterianischen Kirche in Togo. Er hat in Straßburg Musik studiert und war bereits zwei Mal mit togoischen Chören auf Tournee in Deutschland. Die afrikanischen Sängerinnen und Sänger sehen sich dabei als Botschafter ihrer Kirchen. Ihre Lebendigkeit und ihre Rhythmen reißen bei jedem Auftritt das Publikum mit und oft auch von den Sitzen. Jean-Paul Nenonene war 2008 erneut in Deutschland, um in Bremen ein Kirchentags-Projekt mit dem Namen „Zusammenklänge“ zu starten. Deutsche Chöre studierten unter seiner Leitung traditionelle und zeitgenössische Kirchenmusik ein.

Die Ziele der Zusammenarbeit sind weit gesteckt: Ausgewählte Chöre der Mitgliedskirchen der NM sowie Gruppen und Einzelne aus Migrationsgemeinden in Deutschland sollten sich beim gemeinsamen Musizieren kennen lernen und so zum Abbau von Fremdheit und Vorurteilen beitragen. Das Projekt sollte ein Anreiz sein, mit Hilfe der universellen Sprache der Musik - trotz unterschiedlicher Kulturen und Sprachen - eine gemeinsame Ausdrucksform zu entwickeln, die Europäern afrikanische Lebens- und Überlebensthemen nahe bringen kann. Komplizierte Zusammenhänge – Globalisierung, Heimat und Migration, Identität und Fremdheit, Ausschluss und Teilhabe, Glaube, Hoffnung , Liebe – können mit Hilfe der Musik aus deutscher und aus afrikanischer Perspektive dargestellt werden.

Als Höhepunkt tritt dann auf dem Kirchentag in Bremen ein Auswahlchor auf.
Mit dabei: Jean-Paul Nenonene als Teamer.

Wie sich Trommeln und „Blech“ näher kamen

Für eine solche Entwicklung gibt es heute den Begriff der „Transkulturation“: Mehrere Kulturen befruchten sich gegenseitig nach dem Motto „Prüfet alles und das Gute behaltet“. Bis es dazu zwischen den musikalischen Traditionen in Afrika und dem Musikverständnis der Missionare - und auch der ersten Ewe-Christen - kam, hat es allerdings lange gedauert. Über den Weg von der gegenseitigen Ablehnung bis zum friedlichen Miteinander der musikalischen Traditionen gibt es eine Dissertation des Togoers Kokou Azamede mit dem Titel „Transkulturationen? Ewe-Christen zwischen Deutschland und Westafrika 1884 – 1939“ (2007). Lebendig werden darin das anfängliche Gegeneinander und die allmähliche Annäherung beschrieben.

Der Autor zitiert aus einem Bericht des Missionars Diedrich Westermann (1875 – 1956) an den damaligen Missionsinspektor August Wilhelm Schreiber, in dem traditionelle Musik und Tanz als „Gelärm von Heiden“ bezeichnet werden, die die Stille des christlichen Gottesdienstes störten:

„ Unter den gewaltigen Bäumen inmitten der Stadt wurde die Trommel gerührt, dort versammelte sich Groß und Klein zum Lärmen, Singen und Spielen und zum Anhören von Geschichten; das ist so seit Jahrhunderten Volksbrauch und niemand schließt sich ungezwungen davon aus. Nun müssen aber die Christen an dieser Versammlung vorbei, vielleicht von Angehörigen und Freunden bespottet oder auch verfolgt. Unser Gesang in der Kirche wurde vom Gelärm der Heiden manchmal fast überhört.“

Trommeln, Pfeifen, Hörner, Schellen

Die in Deutschland ausgebildeten afrikanischen Missionare vollzogen oft eine totale kulturelle Kehrtwendung und diffamierten die Traditionen des eigenen Ewe-Volkes. Kokou Azamede fand zum Beispiel in den Schriften des Missionars Theodor Martin Sedode Bebli (gest. 1921) eine drastische Kritik der religiösen Zeremonien im Todesfall: „Auf ein großartiges Begräbnis wird hoher Wert gesetzt. Den Heiden ist das Schießen, Trommeln, Tanzen und Lärmen die Hauptsache dabei, die Christen legen das Hauptgewicht auf Singen, ausgezeichnete Grabrede und wo es geht auch Blasen. Die ganze Zeit hindurch wird gesungen. Die zum Gebet teilnehmende Stille und das ruhige, ernsthafte Nachdenken sind noch nicht bekannt. Die Angehörigen des Verstorbenen meinen, sie müssen ihre Trauer zeigen durch allerlei Bewegungen des Körpers, viel Hin- und Herlaufen, Schreien, beständiges Rufen des Namens des Verstorbenen und zuweilen auch durch rasendes Benehmen. Diese Art der Trauer ist am schwersten zu bekämpfen, und es wird noch eine gute Zeit vergehen, bis sie überwunden werden kann. Das Essen und Trinken bei Totenfeierlichkeiten ist allgemein. Die Angehörigen des Verstorbenen meinen, nichts geleistet zu haben, wenn sie nicht jeden Besucher bewirten, und diese tragen es auch einem lange nach, wenn sie nicht gut versorgt werden.“

Afrikanische Musikinstrumente waren in den Augen der frühen Missionare nichts anderes als Lärminstrumente. Kokou Azamede zitiert auch einen Bericht des Missionars Louis Birkmaier (gest. 1882) an den Missionsinspektor Franz Michael Zahn: „Es kann unmöglich noch etwas Anderes geben, das jedes edlere Gefühl mehr tötet als ein solches Geheul und solche Musik der Wilden. Nicht nur, dass Trommeln und Pfeifen und Hörner und Schellen und wildes Geschrei in grauenhafter Weise durcheinander wogt, es ist auch ein unheimliches Gefecht mit Besen, Gewehren und Zauberwaffen unter den eigentümlichsten Bewegungen und Gebärden. In all den Tausenden, die sich daherwälzen, regiert eine finstere Macht, ein finsterer Wille. So wird der Neger hineingetragen in all den Unsinn, seine Mutter trägt ihn auf dem Rücken, wenn er noch nicht laufen kann, er macht mit, klopft und schreit.“

Der traditionelle Tanz galt als nicht christlich, und auch neue Musik, neue Tänze, in denen europäische und afrikanische Musikinstrumente gemeinsam erklangen, wurden abgelehnt. Ein Beispiel dafür ist die Musikrichtung „Sanokoko“ oder auch „Sanu-Koko“, die um 1900 entstand und sowohl auf europäischem „Blech“ als auch auf  traditionellen afrikanischen Instrumenten wie Trommeln gespielt wurde – eine „Multikulti-Musik“ zum Tanzen. Sie erfreute sich vor allem bei jungen Leuten großer Beliebtheit, da sie ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit vermittelte und sich aller strengen „Sittlichkeit“ widersetzte.  Ihre Fans gaben viel Geld für die Instrumente aus - und sparten an anderer Stelle: Die Spenden für die Mission wurden geringer.

Die Trommel als Kommunikationsmittel


Die Missionare verstanden nicht, welche Bedeutung die eigene Musik und die traditionellen Tänze für die Menschen im Ewe-Land hatten. Kokou Azamede erläutert in seiner Arbeit, welche Funktion zum Beispiel Trommeln bis heute in der Kommunikation haben: Manche werden unter bestimmten Umständen laut gespielt bei Todesfällen, Festlichkeiten oder beim Thema Krieg. Andere ertönen leise, wenn es darum  geht, eine friedliche Botschaft zu verbreiten oder um Ruhe zu bitten. Wieder andere begleiten lediglich Volkstänze. Die Formen der Musik im Ewe-Gebiet können demnach, so das Fazit des Autors, nicht nur religiös beurteilt werden – ebenso wenig wie die volkstümlichen Tänze. Sie gehören als kulturelle, soziale und auch religiöse Aktivität zur Identität der Menschen.  

Ursache für die ablehnende Haltung der Missionare aus dem Volk der Ewe war ihre christlich geprägte Erziehung in Deutschland, speziell in Württemberg. Dort galt Musik lediglich als Mittel zur Lobpreisung Gottes. Die „Ewe-Württemberger“ lernten christliche Lieder  und Musikinstrumente wie Harmonium, Posaune oder auch Alphorn. Dieses Neue hatte sie begeistert, die eigenen Traditionen galten ihnen nichts mehr. Nach ihrer Rückkehr nach Afrika begleiteten die schwarzen Missionare Predigten und Gottesdienste auf europäischen Instrumenten und vernachlässigten die eigenen.

Mit Gründung der eigenständigen Ewe-Kirche 1922 änderte sich jedoch diese ablehnende Einstellung. Man besann sich auf die eigene Kultur und wurde versöhnlicher gegenüber den traditionellen Liedern und Tänzen, die zum Alltag der Menschen gehörten. Es entstanden Kirchenlieder mit volkstümlichen Anteilen, afrikanische Musikinstrumente wie Trommeln, Hörner, Pfeifen, Schellen begleiteten christliche Veranstaltungen, sogar Gottesdienste. Das Ewe-Gesangbuch von 1939 enthielt sowohl europäische wie afrikanische Kirchenlieder, übersetzt von Ewe-Christen und deutschen Missionaren.

Autor Kokou Azamede fand dazu einen Bericht des damaligen Missionsinspektor Martin Schlunk (Missionsinspektor von 1908 - 1927), in dem dieser sich durchaus positiv zu der neuen Einsicht und ihren Ergebnissen äußert: „Dass das neue Gesangbuch mehr originale Ewe-Lieder enthält als ich annahm, war mir eine erfreuliche Überraschung…und ich sehe keinen Grund, warum nicht auch die Volksmelodien in Gottes Dienst gestellt und durch Gottes Geist geheiligt werden sollten.“ Durch dieses Umdenken wurde  die Ewe-Kirche der Raum, in dem sich afrikanische und christlich-europäische Musik begegneten und eine neue Musik entstanden ist.