Der Verlust der eigenen Sprache
hätte für das Volk der Ewe
den Verlust eigener Kultur bedeutet.

Sprache als Politikum

Bewusstsein bildet sich über Sprache – schon die frühen Missionare im Land der Ewe wussten das. Sie diskutierten lange die Frage, in welcher Sprache sie mit den Menschen im Togoland reden sollten, welche zur offiziellen Umgangssprache erklärt werden sollte. Mühsam hatten sie sich in die Ewe-Sprache eingearbeitet, erste Bibelteile und dann die ganze Bibel übersetzt, andererseits aber auch die Togoer in ihrem Umfeld Deutsch gelehrt. Ihnen war aber bereits bewusst, dass der Verlust der eigenen Sprache für die Ewe eine Entfremdung von sich selbst und von ihrem Volk, einen Verlust von Kultur und eigenem Denken bedeuten konnte.

Einheimische, die Deutsch konnten, halfen als Dolmetscher und fanden sich leichter im Denken der Missionare und in deren religiösen Vorstellungen zurecht – Anpassung als Chance für besseres Fortkommen unter kolonialen Bedingungen. Das galt aber auch für die Missionare: Über die Sprache fanden sie wiederum Zugang zum Denken der Einheimischen und konnten in ihre Bibelübersetzungen Begriffe und Vorstellungen aus der Welt der Ewe einfließen lassen. Für manches biblische Wort fand sich gar kein einheimischer Begriff – die antike Welt der Bibel war zeitlich und räumlich Lichtjahre von der Welt der Menschen im Westafrika des 19. Jahrhunderts entfernt.

Sprache wurde zu einem Stück Politik und die Missionare reagierten unterschiedlich darauf, je nachdem, was ihnen wichtiger war: die Anpassung der Einheimischen an die Kolonialmacht oder die Bewahrung einer fremdartigen Kultur. Ein Berliner Professor für orientalische Sprachen mit Namen Carl Meinhof empfahl eine Förderung der Landessprache. Dafür hatte er allerdings einen ganz anderen Grund als die Missionare.

Furcht vor Aufständen


Der Historiker Martin Pabst hat Meinhofs Begründung im Archiv der Norddeutschen Mission gefunden: „Sobald der Eingeborene deutsch lesen und schreiben kann, sind ihm deutsche Gespräche und deutsche Blätter teilweise zugänglich. Dies hat nun auf ihn natürlich nicht die Wirkung, dass er sich für einen Deutschen hält – diese Meinung würde ihm auch bald genommen werden, sondern er wird, so viel er kann, die so gewonnene Erkenntnis benutzen, um sein Volk über die Absichten der Deutschen und die politischen und sittlichen Zustände Deutschlands zu unterrichten. Dies wird umso gefährlicher sein, je beschränkter sein Gesichtskreis ist.“

Der Professor befürchtete, dass sich die „Wilden“ über eine europäische Sprache politisch emanzipieren und als Folge Aufstände organisieren könnten. Und wer die Sprache der Herren sprach, würde sich möglicherweise sogar gleichberechtigt fühlen. Nur besonders intelligente und als zuverlässig erprobte Eingeborene sollten Deutsch lernen. Dafür sollten lieber die Kolonialbeamten die einheimische Sprache so gut lernen, dass sie ohne Dolmetscher auskommen konnten. Die Norddeutsche Missionsgesellschaft kam, allerdings aus ganz anderen Gründen, letztendlich zur gleichen Haltung: Missionare, die der Landessprache mächtig waren, könnten die christliche Botschaft wesentlich tiefer in den Köpfen und Herzen der Menschen verankern. Diese sollten sie vor allem auch selber in ihrer Sprache lesen können.

Und so übersetzten eine Reihe von Missionaren unter teilweise katastrophalen Lebensbedingungen das Neue und das Alte Testament, ließen es in Deutschland drucken und als Ewe-Bibel wieder ins Togo-Land zurückbringen. Manche Missionare dachten auch ganz praktisch: Die Kinder in ihren Schulen, die gerade erst lesen und schreiben lernten, wären mit dem zusätzlichen Erlernen einer Fremdsprache hoffnungslos überfordert gewesen. Und Missionsinspektor Martin Schlunk (Missionsinspektor von 1908 bis 1927) warnte gar davor, mit Deutsch in unreifen Köpfen „eine vaterlandslose Gesinnung“ heranzuziehen, denn die Togoer hätten dann womöglich auch die Schriften der revolutionären Zeit um 1848 zu lesen bekommen: „Gesinnung ist aber am ehesten in der Muttersprache zu beeinflussen.“