Vom Arbeitsfeld deutscher Missionare
zum Mitglied der weltweiten Ökumene:
Vater und Sohn Baëta gehören zur Geschichte
der Kirchen von Ghana und Togo.

Wie der Vater so der Sohn: die zwei Baëtas

Der Name Baëta gehört zur Geschichte der evangelischen Kirchen von Togo und Ghana wie die Namen Luther oder Melanchthon zur Entwicklung des europäischen Christentums. Vater Robert (1883 – 1944) war ein Mitbegründer der selbstständigen afrikanischen Kirche im ehemaligen deutschen Kolonialgebiet, sein Sohn Christian (1908 – 1994) brachte die kleine togoische Kirche in der Mitte des 20. Jahrhunderts in die weltweite Ökumene ein. Beide Männer repräsentieren die Entwicklung der beiden evangelisch-presbyterianischen Kirchen vom Missionsgebiet zu selbstbewussten Mitgliedern der weltweiten Ökumene. Wagte der Vater nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit Anderen den Schritt in die kirchliche Selbstverwaltung, so eröffnete der Sohn durch sein eigenes Beispiel seiner Kirche ganz neue Horizonte. Beide handelten in Situationen, in denen die Ewe-Kirche an einem Scheideweg stand und hatten entscheidenden Anteil an ihrer Fortentwicklung.

Als die Missionare gehen mussten

Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bedeutete für die dritte Generation der neuen Christen in Westafrika eine Zäsur: Die deutschen Missionare, einst ausgesandt von der Norddeutschen Missionsgesellschaft, mussten die Kolonien verlassen, denn Deutschland hatte den Krieg verloren. Engländer und Franzosen besetzten das Land und teilten es unter sich auf. Im englischen Gebiet übernahm die Schottische Mission zumindest die Rolle einer Ansprechpartnerin. Im französischen Teil jedoch blieben die Missionsstationen mit ihren Schulen und anderen Einrichtungen sich selbst überlassen. Die wenigen Pastoren, Katecheten und Lehrer, die bis dahin ausgebildet worden waren, fühlten sich unsicher und überfordert. Um arbeitsfähig zu bleiben und das Werk der Missionare bis zu deren erhoffter Rückkehr weiterführen zu können, schlossen sie sich zusammen und wählten den ältesten unter ihnen zum Präses: Pastor Andreas Aku (vermutlich 1863 -1931).

Seiner Einladung zu einer Synode in Kpalimé folgten alle: „Zusammen waren es 166 Missionsarbeiter und Vertreter, die fünf Tage lang über den Fortgang des Werkes berieten“, schrieb Robert Baëta 1924 in einem Rückblick. „Wir sprachen über Kirchen- und Schulangelegenheiten und Beziehungen zum englischen und französischen Gouvernement. Die Einheit der Ewe-Kirche war der wichtigste Gegenstand dieser Synode, trotz der politischen Teilung.“ Diesen Willen zur Einheit teilte die Synode auch der „Bremer Mission“ mit. In einem gemeinsamen Brief an deren damaligen Direktor Martin Schlunk (1874 – 1958) schrieben Andreas Aku und Robert Baëta: „Die Ewe-Kirche will und muss eins bleiben.“ Und: „Sollte die weltliche Macht aber dagegen andere Maßnahmen aufzwingen, so ist die Ewe-Kirche fest entschlossen, ihre Einheit dennoch aufrecht zu erhalten.“

Robert Baëta, 1917 ordiniert, hatte seine theologische Ausbildung bereits in Deutschland erhalten. Er war der letzte Stipendiat, der zwischen 1897 und 1900 in Württemberg bei einem ehemaligen Missionar ausgebildet worden war. 1944 wurde er zum Schriftführer der Ewe-Kirche gewählt. Sein Sohn Christian hatte zu dem Zeitpunkt ebenfalls schon eine akademische Laufbahn eingeschlagen: Mit 22 Jahren war er zum ersten Mal nach Europa gereist, um dann in Basel, Paris und London Theologie zu studieren. Er wurde 1936 in seiner Heimatstadt Keta/Ghana ordiniert und lehrte am theologischen Seminar der Evangelisch-Presbyterianischen Kirche sowie zwischen 1949 und 1971 an der neu gegründeten Universität in Accra/Ghana. 1938 war er von seiner Kirche zur Weltmissionskonferenz nach Tambaran/Indien entsandt worden. Er sprach drei afrikanische Sprachen, dazu Englisch, Deutsch und Französisch – neben Latein, Griechisch und Hebräisch für das Theologiestudium. Mit seiner Person trat die kleine ghanaische Kirche in die weltweite Ökumene ein und kam umgekehrt die weltweite Ökumene nach Ghana.

Von der Theologie in die Politik

Während des Unabhängigkeitskampfes der ehemaligen Kolonie von 1946 bis 1950 war Christian Baëta Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung, ab 1959 Vorsitzender des Internationalen Missionsrates, den er 1961 in den Ökumenischen Rat der Kirchen überführte. In seiner Heimatkirche war er Synodalsekretär und außerdem Vorsitzender des Ghanaischen Christenrates. Seine Verbundenheit mit der internationalen Christenheit beeinflusste auch seine Theologie, die er wiederum an seine Studenten weitergab: Es ging ihm nicht nur um die Weitergabe des christlichen Glaubens, sondern ebenso um Religion und Theologie in einer pluralistischen Welt und um das Miteinander von Menschen unterschiedlichen Glaubens.

Als er 1970 Bremen besuchte, beschrieb die damalige Redakteurin der „bremer kirchenzeitung“, Gisela Arnd, ihn in einem Porträt: „Als wir uns an einem großen Konferenztisch gegenübersitzen, sucht er noch ein bisschen nach deutschen Vokabeln; Professor Dr. Christian Baëta war erst vor wenigen Stunden im Hause der Norddeutschen Missionsgesellschaft eingetroffen – aus London, wo er gerade das dritte Trimester als Gastprofessor beginnt. Inzwischen hat sich das gegeben: Er fühlte sich rasch wieder in die Sprache hinein, die er vor 40 Jahren in Bremen lernte, im Hause Dr. Stoevesandt. Anlass seines Besuches  ist die Weltmissionswoche – zugleich auch eine glückliche Gelegenheit, Freunde und Mitarbeiter von der Norddeutschen Missionsgesellschaft wiederzusehen. Heiter und gelassen steht der Einundsechzigjährige mit den sensiblen Händen Rede und Antwort. Lächelnd erinnert er sich an seine Deutschlehrerin, Frau Stoevesandt, die gar nicht mit seinem ‚R’ zufrieden war: Schon morgens vor dem Frühstück musste er kräftig rollen: Roland der Riese am Rathaus zu Brrremen…“

Pastor Dieter Lenz, Direktor der Norddeutschen Mission von 1983 bis 1993, zitierte 1993 in einem Porträt das theologische Grundverständnis des damals bereits 85-Jährigen: „Dafür hat Gott uns geschaffen: menschliches Leben menschlicher zu machen. Was wir brauchen, ist Unterstützung, um Menschen zu werden - wirkliche Menschen.“ Theologie sei für Baëta, „die Erfahrungen deines Lebens mit dem Willen Gottes in eine sinnvolle Beziehung zu setzen“. Christian Baëta starb 1994 in Accra. Seine Kinder haben die theologische Familientradition nicht fortgesetzt. Sie sind Mathematiker und Physiker, Juristen, Medizinerin und Diplomat geworden.