Wie sagt man für „Stall“?
Ganz einfach: „Da, wo die Pferde sind“.
Von den Schwierigkeiten,
die Bibel in Ewe zu übersetzen.

Gott spricht Ewe

Als der Missionar Lorenz Wolf 1847 als Sendbote der Norddeutschen Mission nach Peki in Ghana kam, stellte er wenig schmeichelnd fest: „Die Leute sprechen nicht, sie singen einander an.“

Der Bremer Pastor Paul Wiegräbe (1900 – 1996) zitiert diesen Satz mit dem ihm eigenen feinen Humor. Auch er, von 1926 bis 1939 in der evangelischen Kirche von Togo tätig, hat sich intensiv mit der Sprache des dort ansässigen Volkes der Ewe beschäftigt. In seinem Buch „Gott spricht Ewe“ berichtet er über die Schwierigkeiten und Fortschritte seiner Vorgänger, die sich an erste Bibel-Übersetzungen und Wörterbücher gewagt hatten und der fremden Sprache nur allmählich auf den Grund kamen. Es war ein mühsames Unterfangen und dauerte länger als ein halbes Jahrhundert.

Ein praktisches Beispiel: Bei der Übersetzung des Weihnachtsevangeliums mit Jesu Geburt im Stall stellten sie fest, dass die Ewe kein Wort für „Stall“ kannten – sie hatten gar keine Ställe für ihr Vieh. Doch die Missionare wussten sich zu helfen: Sie besaßen Pferde, die in Ställen untergebracht waren, und so übersetzten sie „Stall“ mit „da wo die Pferde sind“. Zwar bekam das tropische Klima den Tieren nicht, so dass sie bald starben, doch die Ewe-Kinder hatten sich inzwischen den Begriff gemerkt.

Paul Wiegräbe schildert in seinem Buch nicht nur die mühsamen Anfänge und die Fortschritte der Übersetzungsarbeit, sondern auch die Umstände, unter denen die Missionare lebten und die Ewe-Sprache für das Evangelium erschlossen. Das ungewohnte tropische Klima machte nicht nur die Pferde krank, sondern auch die Menschen aus Europa. Sie bekamen Fieber, litten Schmerzen, mussten Familienangehörige pflegen, lebten und arbeiteten auf engem Raum. Der Bremer Pastor hat diese Entwicklung aus Berichten und Briefen für die Nachwelt festgehalten. Einige besonders eindrückliche Abschnitte machen das deutlich:

Bernhard Schlegel legt den Grundstein

So klagt Lorenz Wolf (1821 - 1851) darüber, dass er für „Liebe“ das Wort brauchen müsse, mit dem die Heiden von der Güte ihrer Götter sprächen und das doch nur besage, dass diese ihren Verehrern den Bauch gefüllt hätten. Womit er allerdings der Ewe-Sprache Unrecht tut, denn das von Wolf wahrscheinlich erlauschte Wort bedeutete, dass die Gottheit „freundlich sei in ihrem Innern (im Leibe) und satt mache“. Das ist für uns doch eigentlich nicht so neu, da ja auch die beiden Bibelsprachen die höchsten Gefühle in die „Eingeweide“ verlegen.

So stand es mit der Ewe-Sprache nicht gut, bis der Missionar Bernhard Schlegel (1827 – 1859) der speziell aus diesem Grund ausgesandt worden war, sich dieser Sprache annahm und mit seinem „Schlüssel zur Ewe-Sprache“ 1857 einen Grundstein zur Übersetzung der Bibel legte. Schlegel lebte mit vollem Herzen das Leben eines Missionars, egal ob er predigte, Regeln der Ewe-Sprache nachsann, auf Reisen in der Steppe barfuß durch den Schlamm watete oder auf schwerem Krankenbett sich auf ein nach menschlichem Ermessen allzu frühes Sterben rüstete. Mitte März 1854 war er nach Keta gekommen. Im August schreibt er: „Aus dem fünften Fieber hat mich der Herr errettet.“

Zuerst „studierte“ er die Ewe-Sprache auf dem Bauplatz. Aber schon im nächsten Jahr konnte er nachgereisten Missionaren als Lehrer in der Ewe-Sprache dienen. Um sein Ohr möglichst nah an das Herz des Ewe-Volkes legen zu können, sammelte er viele Sprichwörter und Fabeln, in denen das Volk seine Ermahnungen, Lehren und Warnungen von Mund zu Mund weitergab. Einen Einblick in die Härten des Missionarslebens erhält man aus Schlegels Bericht aus Akropong: „Ich musste das Bett hüten, oft unter großen Schmerzen. Meine Arbeit konnte ich aber tun. Morgens habe ich von 8 bis 11 Uhr Schule gehalten. Nachmittags habe ich mit meinem Dolmetscher nach und nach die Bergpredigt übersetzt. Auch habe ich angefangen, die Perikopen zu übersetzen. Sonntags predige ich vom Bett aus…“

Auch später in Waya unterrichtete Schlegel Schüler, begann aber auch die „zwei mal 52 biblischen Geschichten“ zu übersetzen. Dem folgten, ein in der Übersetzungsgeschichte der Bibel wohl einmaliger Vorfall, das Johannes-Evangelium und die Johannes-Offenbarung: Und so wurde das letzte Buch der Bibel hier einmal fast als erstes übersetzt.

Keine Schuhe für den Missionar


Das Leben in Waya war für Bernhard Schlegel hart. Das geht aus einem Zettel, den er 1857 einem Brief beilegte, hervor. Er schreibt: „Vor zwei Jahren musste ich Schuhe bestellen. Ich erhielt keine. Vor einem Jahr erinnerte ich abermals. Ich erhielt keine. Vor einem halben Jahr erinnerte ich noch einmal daran. Ich erhielt keine. Als die neuen Brüder ankamen, sagten sie, vielleicht wären unter den ihrigen welche. Warum erhalte ich keine Schuhe? Soll ich nicht ausgehen? Nehmen Sie diese Frage nicht übel, doch so ernst, dass ich bald Schuhe erhalte! Ihr dankbarer B. Schlegel.“ Aber diese Äußerlichkeiten hielten ihn nicht von seinem drängenden Wunsch ab: „…wenn der Herr mich nur die Freude erleben lässt, dass ich nach noch zwei Jahren selbst in dieser schweren, aber schönen Sprache predigen kann, wenigstens unter meinen eigenen Leuten. Dann will ich gern jedwedes Kopfweh und jedwedes Fieber aushalten und es wieder vergessen.“

Allerdings stellte sich diesem Wunsch ein neues Problem in den Weg. Den Missionarsbrüdern fiel immer stärker auf, wie groß der Unterschied der Ewe-Dialekte zwischen Inland und Küste war. Auf einer Konferenz im Februar 1858 beschlossen sie, dass Schlegel weiterhin den Küstendialekt bearbeiten und deswegen nach Anyako übersiedeln sollte, während ein junger, ebenfalls sprachtüchtiger Missionar, Jakob Kohlhammer (gest. 1859), beauftragt wurde, in Waya das dortige Idiom zu erforschen. Das hinter der großen Lagune liegende, sehr ungesunde Anyako war Schlegels letzte Arbeitsstätte. Er kam an seinem 31. Geburtstag dort an. Die Station war erst kürzlich eingerichtet worden. Sie sollte der Verbindung zwischen Keta und Waya dienen.

Die Räumlichkeiten waren noch sehr beschränkt. Doch das machte ihm nichts aus. Sein Mitarbeiter Knecht erzählt: „Das Haus, das noch nicht einmal fertig war, hatte kaum Raum genug für zwei Brüder - und nun sollten sich drei darin behelfen. Aber das machte Schlegel nicht viel Sorgen. Nur ein Plätzchen zum Schlafen und eins für seinen Tisch und seine Bücher, mehr wollte er nicht.“ Er war überaus fleißig, „wie wenn er wüsste, dass die Nacht ihm hier bald komme, wo er nicht mehr wirken könne.“ Knecht widerspricht sich allerdings insofern, als er auch erzählt, dass Schlegel meistens guten Mutes gewesen sei und selten Fieber gehabt habe. Ja, er beschloss sogar, in Bremen um eine Frau zu bitten! Anfang Oktober sah er dann zum ersten Mal seine Lydia Stöcklin aus Basel. Anfang Dezember fand die Hochzeit statt. Abends lag die Frau mit schwerem Fieber danieder. Sie wurde wieder gesund, aber Schlegel starb fünf Monate später.

In Anyako hatte Schlegel eine „Leidens- und Herrlichkeitsgeschichte“ und das Manuskript einer Übersetzung der vier Evangelien noch vollendet. Sie wurden 1861 gedruckt. Sein „Schlüssel zur Ewe-Sprache“ half späteren Missionaren, sich immer besser und tiefer in die Ewe-Sprache einzuarbeiten. Das erste Gesangbuch kam 1867 heraus, zehn Jahre später folgten ein Konfirmationsbüchlein und eine Liturgie, 1878/80 ein umfangreiches biblisches Geschichtenbuch. 1877 ging das gesamte Neue Testament in Druck, später folgten die ersten Bücher des Alten Testaments. Das Problem der unterschiedlichen Dialekte bestand jedoch weiter. Ein Ausschuss der Missionare einigte sich schließlich darauf, dass künftig – unter Berücksichtigung der Inlanddialekte - im Küstendialekt gedruckt werden sollte. Die Missionare machten sich nun an die Übersetzung des Alten Testaments. Dabei machte ihnen die ungenaue Aussprache ähnlich klingender Laute zu schaffen, auf die auch Paul Wiegräbe in seinem Buch eingeht:

Wie übersetzt man „Taufe“?

Im Unterschied zu Schlegel hielt sein Nachfolger Johannes Merz (1841 - 1925) zwar f und w sowie gb und kp auseinander, aber auch er hatte noch nicht entdeckt, dass es zweierlei d und neben dem stimmhaften (tönenden) noch ein stimmloses („gepustetes“) f gibt. Was aber besonders verwirrend sein musste: Das Ewe-Wort mi , das sowohl wir wie ihr bedeuten kann, wurde nicht mit dem unbedingt erforderlichen unterscheidenden Akzent versehen. Als die Auflage des Neuen Testaments zu Ende ging, wurden deshalb die Missionare Jakob Spieth (1856 - 1914) und Gottlob Däuble (1861 - 1941) mit einer Neubearbeitung beauftragt. Die beiden gründlichen Männer haben kaum einen Vers unverändert gelassen.

Anfang 1897 hielt Spieth dann mit 14 eingeborenen Mitarbeitern eine dreiwöchige Konferenz in Ho ab, in der das von ihm und Däuble erarbeitete Manuskript aufs Gründlichste durchgesprochen wurde. Fremdwörter wurden ausgemerzt. So fand sich für „Epistel“ leicht ein Ewe-Wort. Schwieriger war das schon mit Ausdrücken wie taufen oder Weinstock. Aus Ersterem wurde „Gotteswasser auf den Kopf tun“, aus Letzterem das etwas unglückliche „weinti“.

Jakob Spieth hat sich als einer der Nachfolger von Bernhard Schlegel ganz besonders um die Übersetzung der Bibel in Ewe verdient gemacht. Paul Wiegräbe widmet ihm in seinem Buch viel Raum:

Gebürtig war er ein Pietist aus Schwaben, der 1856 auf die Welt kam. 24-jährig wurde er 1880 auf das Missionsfeld geschickt. 21 Jahre lang lebte er in Afrika. Seine Arbeit führte er hauptsächlich von Ho aus durch, doch als Generalpräses bereiste er ab 1887 gründlich das Missionsgebiet. Nach seiner Arbeit in Afrika kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Er übersetzte nicht nur die Bibel, sondern gab im Jahr 1909 ein 1042 Seiten starkes Buch über die Ewe-Stämme heraus – nicht ohne anzumerken, dass er noch genug Stoff für einen  zweiten und dritten Band hätte. Einen Teil dieses Restes veröffentlichte er 1911 in dem Werk „Die Religion der Eweer in Südtogo“.

Man könnte auf die Idee kommen, dass Spieth diese Arbeit als eine wohltuende Abwechslung zu seiner Übersetzungstätigkeit empfand. Stattdessen schreibt er: „So interessant der Stoff auch ist, so wird er auf die Dauer doch öde. Ich arbeite nun bald drei Monate an der Sammlung und Sichtung des Stoffes und bin nun glücklich am letzten Teil, der Wahrsagerei, angelangt. Wie will ich mich freuen, wenn ich diese wasser- und trostlose  Wüste verlassen kann! Man könnte ersticken in diesem heidnischen Staube. Da ist rein gar nichts,  was das nach Gott verlangende Menschenherz befriedigen könnte. Ich empfinde es, wie das Herz eines Heiden nach dem frischen Wasser des Wortes und Trostes Gottes schmachtet.“

In seinen letzten Jahren war Spieth viel unterwegs, hielt Vorträge auf Missionsfesten und Gottesdienste in Berlin und anderswo, immer im Auftrag der Norddeutschen Mission. Kein Wunder, dass seine Frau eines Tages hinter seinem Rücken nach Bremen schrieb: „…dass mein Mann es übertreibt. Diktieren Sie ihm eine Ausspannung, einfach ohne ihm zu sagen, wer der Anlass dazu war. Er wäre mir sehr böse…“

Für seine Übersetzungsarbeit brauchte Jakob Spieth einen afrikanischen Helfer. Und so wurde Ludwig Adzaklo nach Deutschland entsandt. Ohne ihn wäre die Ewe-Bibel nicht das geworden, was sie heute ist. Spieth machte es ihm und sich nicht leicht mit der Übersetzung. Die bereits in Ewe vorliegenden alttestamentlichen Schriften mochte er so nicht übernehmen – sein Sprachgefühl zwang ihn dazu, diese neu zu übersetzen. Ab 1904 arbeiten beide in Tübingen und Spieth schreibt: „Unsere Arbeit hat einen schönen Ausgang genommen. Wir mussten uns beide miteinander einarbeiten. Das Hauptstreben der früheren Übersetzer der Genesis (1. Buch Mose) war, unter dem Zwang eines starren Inspirationsglaubens, die Übersetzung fast bis auf den Satzbau dem Hebräischen anzupassen. Dass das nur auf Kosten einer klaren, verständlichen Sprache und damit der Volkstümlichkeit geschehen kann, liegt auf der Hand. Soviel es auch ständig  an der Übersetzung zu ändern gibt, so ist sie doch eine äußerst wertvolle Arbeit.“

Paul Wiegräbe beschreibt mit Originalzitaten aus Briefen und Berichten, wie es Jakob Spieth während dieser jahrelangen Arbeit ergeht:

Eine Arbeit für Jahre

Im Jahr 1905 ist er unzufrieden damit, wie langsam die Arbeit voran geht. 1906 schreibt er: „Bei Leviticus (3. Buch Mose) freuen wir uns, dass wir dieses Buch hinter uns haben…“  und 1908: „Wir sind an Hiob 6 angekommen…“ Neben der Arbeit an der Bibel beschäftigt Spieth aber noch ein ganz anderes Thema. Bei seiner Frau ist eine Lymphdrüsenvereiterung diagnostiziert worden. Er pflegt sie bis zur Einweisung in ein Krankenhaus, sein Mitarbeiter Ludwig Adzaklo hat Heimweh – doch endlich, am 23. Juni 1909, notiert Spieth: „Heute Vormittag, 20 Minuten vor 10 Uhr, übersetzten wir den letzten Vers des Maleachi. Das hat zu bedeuten, dass die Übersetzung des Alten Testaments als fertige Arbeit vor uns liegt.“ Anfang September kann Ludwig Adzaklo die Heimreise nach Afrika antreten, Anfang Oktober stirbt Johanne Spieth.

Genau ein Jahr nach dem Tod seiner Frau begann unter Spieths Leitung die Bibelkommission in Lomé ihre Arbeit. Zuerst wurde das Alte Testament Vers für Vers durchgelesen, dann beschloss man, auch das Neue Testament, dessen Nachdruck sowieso nötig gewesen wäre, in gleicher Weise vorzunehmen. Am 1. April 1911 war das große Werk vollendet: „Mittags, 10 Minuten vor 12 Uhr, dankten wir dem Herrn auf Knien für seine freundliche Durchhilfe.“ Die Ankunft der in Deutschland gedruckten Ewe-Bibeln erlebte Spieth nicht mehr. Er starb, als die letzte der drei Korrekturfahnen auf seinem Schreibtisch lag.