Die Norddeutsche Mission
zwischen Einheimischen, Kolonialmacht
und eigenem Anspruch.

Mission und Kolonialpolitik

Das Zusammenleben und –wirken von christlicher Mission und Kolonialmächten brachte Vorteile für beide Seiten, die aber gleichzeitig der Mission ein Glaubwürdigkeitsproblem bescherten. Der Historiker  Martin Pabst hat diese wechselseitigen Abhängigkeiten in seinem Buch „Mission und Kolonialpolitik“ untersucht:

Eine koloniale Herrschaft, gleich welcher Nationalität, bedeutete für die christliche Mission zunächst eine wesentliche Erleichterung ihrer Arbeit vor Ort: Das Missionsgebiet wurde befriedet, der Weg zu Stämmen, die sich unter Umständen jedem Kontakt mit Europäern verschlossen, wurde im Rahmen der kolonialen Machtausweitung geöffnet. Gesicherte Rechtsverhältnisse wurden hergestellt, die einerseits die Missionare wie die von ihnen bekehrten Christen schützten, andererseits abendländisch-christliche Rechtsnormen durchsetzten.

In der Regel unterstützte die Kolonialmacht humanitäre Aktivitäten der christlichen Mission wie die Bekämpfung von Sklaverei und Menschenopfern, und sie neigte meist dazu, das Christentum gegenüber heidnischen Religionen und dem Islam zu fördern. Die Herstellung einer Infrastruktur und der Ausbau von Handel und Wirtschaft beschleunigten die Erschließung des Landes und damit auch die Ausbreitung der Mission und erleichterten so deren Tätigkeit. Für ihre kulturellen und sozialen Unternehmungen (Schul- und Gesundheitswesen) konnten die christlichen Missionen nun vielfach mit finanziellen Zuwendungen rechnen und bei der Neugründung von Gemeinden wurde häufig eine staatliche Hilfe angeboten, zum Beispiel beim Landerwerb oder dem Bau von Kirchen. Auch war es nun möglich, auch den Verwaltungsapparat  der Kolonialmacht für die Zwecke der Mission heranzuziehen, etwa zur Durchsetzung des Schulbesuchs.

Ein psychologischer Vorteil war, dass aufgrund der Autorität der Kolonialmacht auch das Prestige der christlichen Missionen bei den Eingeborenen stieg: Die Kolonialbeamten waren Christen wie die Missionare, und die Missionare waren weiße wie die Kolonialbeamten – eine Gleichsetzung, die allerdings auch eine nachteilige Wirkung haben konnte.

Wechselwirkungen

So zeigte es sich schon im frühen 19. Jahrhundert – allerdings nur als Tendenz -, dass beispielsweise britische und französische Missionen bevorzugt in Gebieten unter der Herrschaft ihrer Heimatnation arbeiteten. Mindestens ebenso groß waren umgekehrt die Vorteile missionarischer Tätigkeit für die Kolonialmacht. Eine Missionsstation war gleichsam ein ‚Vorposten’ der Kolonialmacht, der sie materiell wie auch – gewollt oder ungewollt – geistig den Weg ebnete: Der Missionar konnte vor den Eingeborenen seine Hautfarbe und seine Herkunft nicht ablegen. Zusammen mit dem Christentum verbreitete die christliche Mission europäische Kultur: Die Missionare legten Wege, Gärten und Pflanzungen an, sie bauten Häuser und wirkten auch geistig auf die Eingeborenen ein. Gerade im Schulwesen der Missionare wurden ihnen Sprache und Kultur der Weißen besonders nachhaltig vermittelt. Die Kolonialmacht konnte in vielen Fällen auf ein bereits entwickeltes Missionsschulwesen zurückgreifen und versuchen, es  in ihrem eigenen Herrschaftsinteresse zu nutzen.

Die christliche Mission verfolgte nicht nur kulturelle, sondern auch soziale und humanitäre Ziele, wobei sie die Kolonialmacht entlastete. Außerdem leistete sie wertvolle Vorarbeit bei der Erforschung der eingeborenen Sprachen und Kulturen – wovon wiederum die Kolonialmacht für ihre Herrschaft profitieren konnte.

Die Tätigkeit der Missionare hatte wesentliche psychologische Auswirkungen für das Zusammenleben in den Kolonien: Sie hatten ein Vertrauensverhältnis zu den Eingeborenen aufgebaut, das auf die Kolonialmacht übertragen werden konnte. Missionare besaßen einen nicht auf Zwangsmitteln beruhenden Einfluss, was wiederum eine reibungslose Durchsetzung von Anordnungen der Kolonialmacht ermöglichte. Schließlich begründete die christliche Mission durch Gemeindeordnung und Kirchenzucht autoritäre Strukturen und erzog damit, selbst wenn sie dies nicht explizit hervorhob, Christen und eventuell auch Nichtchristen.

Kritische Stimmen


Kritik an der Mission wurde auf kolonialer Seite selten geäußert, hier meist nicht von der Regierung (am ehesten auf der untersten Ebene der Kolonialbeamten vor Ort), sondern von Unternehmern, Kaufleuten oder Siedlern. Deren Hauptvorwürfe waren: Die christlichen Missionen würden sich zu sehr auf religiöse und geistige Erziehung konzentrieren und dabei die Arbeitserziehung vernachlässigen. Das Christentum sei für den Eingeborenen ungeeignet und führe zu einer Entfremdung mit gefährlichen Auswirkungen, weswegen man die traditionellen Religionen oder den Islam, der weniger kompliziert und anpassungsfähiger sei, fördern solle. Und der wohl gewichtigste Vorwurf war, dass die Lehre von der Gleichheit vor Gott von den Eingeborenen auf die politische Ebene übertragen werde.

Eher fanden sich kritische Stimmen bezüglich der Zusammenarbeit von Staat und christlicher Mission auf letzterer Seite. Dabei waren die negativen Auswirkungen für die christliche Mission wohl folgenschwerer. Sie geriet von einer ursprünglich freien Stellung in einen staatlichen Rahmen, der ihre Tätigkeit mit Rechtsbestimmungen zunehmend eingrenzte und auch erschwerte – man denke an Landerwerbungen, Schul- und Gemeindegründungen, an die mögliche Nichtzulassung einer bestimmten Missionsgesellschaft, Konfession oder jeglicher Missionstätigkeit in einem Gebiet bis hin zur Ausweisung. Durch die Annahme von Zuwendungen und Vergünstigungen begab sich die christliche Mission in Gefahr, nicht mehr ihre eigenen Ziele, sondern die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen der Kolonialmacht zu propagieren. Häufig erwies sich jene auch nicht als vorteilhafte Verbündete der Mission, konnte sie doch Entwicklungen, zum Beispiel durch ihre Eingeborenenpolitik, bewirken, die die Mission nicht wünschte oder die sogar ihre Tätigkeit gefährdeten.

Der schwerwiegendste Nachteil eines Zusammenwirkens von Kolonialmacht und christlicher Mission für letztere war wohl psychologischer Art: Die Mission geriet in Gefahr, in den Augen der Eingeborenen ihre unabhängige Stellung zu verlieren, wenn diese sich mit der Kolonialmacht und deren Zielen zu identifizieren begann. Selbst wenn die Mission hierzu keinen Anlass gab, musste allein die zeitliche Abfolge des Erscheinens von Missionaren und Kolonialbeamten den Eingeborenen eine logische Verknüpfung der beiden nahe legen. Gegenüber vielen unbezweifelbaren Vorzügen, die aus der Mission erwuchsen, entstand jedoch ein größeres Risiko, dass der Anspruch der christlichen Mission missverstanden wurde. Derlei Kritik wurde um die Jahrhundertwende jedoch kaum geäußert, am ehesten von Vertretern von Missionsgesellschaften, die – wie die Norddeutsche Mission – schon vor der Kolonisierung in einem Gebiet tätig waren und damit mit einer neuen Situation konfrontiert wurden und Veränderungen deutlich vor Augen sahen.

Zusammengefasst aus: Martin Pabst:  "Mission" und Kolonialpolitik : die Norddeutsche Missionsgesellschaft an der Goldküste und  in Togo bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges. München Verlagsgemeinschaft Anarche, 1988