„Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“ -
Mission in einer vielschichtigen Welt
ist heute etwas Anderes als vor hundert Jahren.
Eine Beratung unter Freunden.


Heilung für die kleine und die große Welt

Sechs Kirchen suchen eine gemeinsame Theologie – so könnte man die regelmäßigen theologischen „Konsultationen“ innerhalb der Norddeutschen Mission kurz beschreiben. Afrikanische und deutsche Theologinnen und Theologen diskutieren abwechselnd in Afrika und in Deutschland zeitgemäße Themen. Der Blick über den Tellerrand ermöglicht dabei völlig neue Einsichten. Im Jahr 2005 ging es beispielsweise um die Frage, was Mission heute bedeutet.

Seit 2001 sind die vier norddeutschen und die beiden afrikanischen Kirchen in Togo und Ghana gleichberechtigte Partnerinnen im gemeinsamen Werk „Norddeutsche Mission“.  Das bedeutet auch, dass der Begriff Mission neu definiert werden musste, denn: Was verstehen heute Afrikaner beziehungsweise Nordeuropäer überhaupt unter Mission? Ist das nicht Schnee von gestern, schlecht beleumdet und allein für evangelikale Christen von Bedeutung? Um das zu klären, haben sich Delegierte der sechs Kirchen und von vier Missionswerken im Juni 2005 auf der Nordseeinsel Langeoog zu einer so genannten theologischen Konsultation zusammengesetzt - zu einer Beratung über die „Gemeinsame Mission in unterschiedlichen Kontexten (Zusammenhängen)“. Sie vertraten die beiden Evangelisch-Presbyterianischen Kirchen von Togo und Ghana, die Bremische Evangelische Kirche, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, die Evangelisch-reformierte Kirche in Deutschland, die Lippische Landeskirche, das Evangelische Missionswerk Hamburg, die Vereinigte Mission in Wuppertal, das Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland und die Gemeinschaft der Kirchen in Mission Cevaa in Montpellier/Frankreich.

Die Unterschiede sind in der Tat riesengroß: Die Eglise Evangélique du Togo und die Evangelical Presbyterian Church,Ghana sind arm, in ihren Ländern aber Trägerinnen wichtiger Einrichtungen, die Menschen zu Bildung und Ausbildung verhelfen, sie bei der Gründung kleiner Geschäfte mit Krediten unterstützen, in Gesundheitszentren behandeln und beraten. Sie unterhalten Schulen und bieten für Kinder und Jugendliche zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen sowie Existenz sichernde Ausbildungen.

In Togo arbeitete die Kirche lange Zeit unter besonderen politischen Schwierigkeiten: Sie war mit ihrem Eintreten für Bildung und Menschenrechte dem Regime des Diktators Gnassingbé Eyadema ein Dorn im Auge und stand zeitweise unter massivem Druck, ihre Vertreter wurden bedroht und viele Mitglieder verhaftet. Auch wenn sich die Lage nach dem Tod des Diktators 2005 entspannt hat, kann von einer offenen und funktionierenden Demokratie noch nicht die Rede sein. Das ist der Kontext, sind die äußeren Rahmenbedingungen, unter denen die togoische Kirche das Evangelium verkündet: Zu sehen, wie Menschen verarmen und unterdrückt werden heißt deshalb für sie nicht nur zu predigen, sondern der Predigt entsprechend zu handeln: Mission als Fürsorge für den ganzen Menschen, für seine Seele und seinen Leib.

In Ghana ist es vor allem die Armut vieler Menschen auf dem Land, die zu einem guten Teil durch globale wirtschaftliche Zusammenhänge verursacht wird: Billiges Hühnerfleisch aus Europa bringt zum Beispiel die kleinen einheimischen Geflügelzüchter um ihre Einkünfte, die schlechten Weltmarktbedingungen für Kakaoanbau und –handel sorgen dafür, dass mit diesem klassischen ghanaischen Exportschlager der Lebensunterhalt für Familien kaum noch zu verdienen ist: Der Kampf gegen die Armut so vieler Menschen ist deshalb für die Evangelische Kirche in Ghana auch Mission, nämlich – dem Evangelium entsprechend - Leid zu heilen und zu verhindern.

Mission heißt deshalb für die vier vergleichsweise reichen norddeutschen Kirchen unter anderem, ihre Schwestern und Brüder in Afrika zu unterstützen, ideell und finanziell. Mission in Deutschland heißt andererseits, unter ganz anderen Rahmenbedingungen das Evangelium zu verkünden und danach zu handeln: „Ihr braucht Mission“, sagen mitunter Gäste aus Ghana und Togo. Sie spielen damit auf das karge geistliche und spirituelle Leben in einer eiligen, auf Effizienz getrimmten deutschen Gesellschaft an, in der innehalten, nachdenken, über den Glauben sprechen als uncool gelten. Außerdem haben große Teile der Bevölkerung überhaupt kein Verhältnis mehr zu den Kirchen. In Ostdeutschland gehören ihnen nur noch 25, in Westdeutschland immerhin noch 75 Prozent der Menschen an. Auf der anderen Seite irrlichtern viele Menschen auf der Suche nach einem Ort für ihre Spiritualität zwischen allerlei – redlichen wie obskuren - Sinnanbietern herum.

Getreu dem Wahlspruch der Norddeutschen Mission „Das ganze Evangelium für den ganzen Menschen“ heißt Mission auch in Deutschland aber auch: hingucken, wo Menschen unter Armut, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung leiden. Das ganze Evangelium als Wort und daraus folgende Tat soll Leib und Seele der Menschen heilen. Eine weitere Rahmenbedingung für Mission in Deutschland ist die Vielfalt der Religionen. Man toleriert sich – oder ist auch einfach nur desinteressiert. Ebenso gibt es spannende Dialoge und gemeinsame Aktionen aus besonderen Anlässen. Mission in diesem Zusammenhang kann nur überzeugen mit Wort und Tat, aber nicht „bekehren“ sein.  

Dass trotz der vielen unterschiedlichen Zusammenhänge durchaus von einer gemeinsamen Mission der christlichen Kirchen gesprochen werden kann, erläuterte Klaus Schäfer, theologischer Referent des Evangelischen Missionswerkes, während der Konsultation auf Langeoog. In seinem Grundsatzreferat entwickelte er „eine Art Theorie der Mission“: Sie sei in ihrem Ursprung als eine Hinwendung Gottes zu den Menschen und zur ganzen Schöpfung zu verstehen mit dem Ziel, Gestörtes und Zerbrochenes zu heilen. Die Kirche sei lediglich ein Instrument Gottes dafür: „An der Mission teilzunehmen bedeutet, an der Bewegung von Gottes Liebe gegenüber den Menschen teilzunehmen.“ Die Kirche sei folglich die einzige Institution, die nicht für sich selber existiere, sondern für die Menschen außerhalb der Kirche. Die Befreiung, der Kampf für eine gerechte und soziale Gesellschaft sei ebenso Bestandteil von Mission wie die Einladung an die Menschen zum Glauben an Jesus Christus. Klaus Schäfer brachte das mit einem einprägsamen Satz auf den Punkt: „Es ist richtig, dass menschliche Wesen nicht allein vom Brot leben, aber sie leben auch vom Brot.“

Klaus Schäfer nannte das „die kontextuelle Dimension der Mission“, die sich immer auf die Fragen, die Suche, die Bedürfnisse und die jeweilige Situation der Menschen beziehe, die angesprochen werden: „Die Missionare hatten ein Evangelium und glaubten, dass es für alle und zu jeder Zeit das Gleiche sei. Obwohl das sicherlich in gewisser Weise stimmt, muss man doch daran festhalten, dass Gottes Mission und die Mission der Kirche es wirklich nötig haben, die Menschen sehr konkret in ihrer jeweiligen Lebenssituation anzusprechen. Und da sich die missliche Lage der Menschheit, ihre Sündhaftigkeit in vielen verschiedenen Formen äußert – in Gottesferne, in Mangel an Glauben und Liebe, aber auch in menschlichem Elend, in Armut oder Ungerechtigkeit – nimmt die Botschaft des Evangeliums verschiedene Stimmungen und Ausdrucksweisen an. In der Interaktion mit den Kulturen und Lebenssituationen der Menschen nimmt das Evangelium neue Formen, neue Ausdrucksweisen an.“ Man könne also die Mission nicht auf Bekehrungen und Kirchenmitgliedschaften reduzieren.

Die christlichen Kirchen existieren und wirken in lokalen Bezügen: in ihren Stadtvierteln, in ihren Dörfern. Hier liegen die lokalen Zusammenhänge, unter denen das Evangelium verkündet und gelebt wird. Die Kirchen wirken aber auch weltweit. Ihre Verbundenheit – in Form des Weltkirchenrates - setzt den anderen, den globalen Rahmen für ihre Arbeit und damit auch für Mission. Es gibt also einen lokalen und einen globalen Kontext, in dem sich die Kirchen als Sendboten Gottes bewegen und in dem sie seine und damit ihre Botschaft weitergeben - mit Kopf und Herz und Hand.

Vier Tage lang beratschlagten die Delegierten aus den sechs Kirchen und vier Missionswerken auf Langeoog. Am Ende fassten sie ihre Ergebnisse zum Thema Mission in einer Abschlusserklärung zusammen. Darin heißt es unter anderem:

Wir sind davon überzeugt, dass wir eine gemeinsame Mission haben. Diese Mission wurde durch gemeinsame Geschichte und gemeinsame Erfahrung geprägt und durch die gegenwärtige Solidarität, die sich auf verschiedene Herausforderungen unserer Zeit bezieht. Wir verstehen die Gemeinschaft unserer sechs Kirchen als Teil unserer geistlichen und historischen Identität. Basierend auf der Bibel, der gemeinsamen Quelle unseres Glaubens, unserer Liebe und unserer Hoffnung, geloben wir, in Solidarität zueinander zu stehen. Wir sind entschlossen, unsere unterschiedlichen Erlebnisse des Glaubens und unsere verschiedenartigen Anliegen, unsere besonderen Geschenke und Freuden miteinander zu teilen, damit wir voneinander lernen können und damit unser Glaube und unser Einsatz gestärkt wird.

Wir bekennen uns zu dem Verständnis der Mission als einer holistischen (ganzheitlichen) Mission in der Art, wie es die Eglise Evangélique du Togo 1964 formulierte: “Das ganze Evangelium für den ganzen Menschen“. Dies schließt ein:
- die spirituellen Bedürfnisse der Menschen ebenso wie ihre physischen Notwendigkeiten, die Überwindung der Armut, der Ungerechtigkeit und der Vernachlässigung der Menschenwürde
- die Verpflichtung zum Frieden, zur Versöhnung und zur gegenseitigen Achtung.

Wir sind uns wieder der sozio-ökonomischen Situationen bewusst geworden, in denen unsere Kirchen leben. Es gibt unterschiedliche geschichtliche und kulturelle Hintergründe, verschiedenartige Wünsche und Aktivitäten. Wir haben diese Unterschiede als natürlich akzeptiert, um den Willen Gottes treu an verschiedenen Orten zu erfüllen. Unsere Missionsaufgabe ist nicht eine willkürliche Wahl, bei der wir unsere eigenen Überzeugungen Anderen aufzwingen, sondern ein Akt des Glaubens, dem göttlichen Willen gehorsam die jeder Kirche auferlegten Aufgaben mit besonderem Einsatz und besonderem Können – der jeweiligen Situation, der Umgebung und der Örtlichkeit angepasst – auszuführen.

Wenn Mission als eine Dimension kirchlichen Lebens akzeptiert wird, dann wird vermieden, dass Gemeinden introvertiert nur nach innen schauen, sich darauf konzentrieren, ihren eigenen Gemeinden oder kirchlichen Mitgliedern zu dienen und darauf warten und hoffen, dass Andere sich ihnen anschließen. Eine neue Offenheit wird verlangt, die zur Folge hat, dass man über die Grenzen der Kirche oder Gemeinde hinausblickt, den Menschen zuhört, mit denen wir leben, und zu ihnen geht…Das Wort Mission steht dafür, sich für Menschen zu interessieren anstatt darauf zu warten, dass Menschen sich für die Kirche interessieren…

Wir unterstützen Projekte, die versuchen, Unwissen zu bekämpfen, indem sie die Mentalität der Menschen ändern, sie veranlassen, aktiver zu werden, Verantwortung für ihr Leben und für die Gesellschaft zu übernehmen so wie Gott es will. Wir unterstützen Projekte, die versuchen, das Leid der Opfer von Unterdrückung  zu lindern, in Togo und bei den Flüchtlingen in den Nachbarländern Ghana und Benin…

Wir kamen zu der Überzeugung, dass die sechs Kirchen der Familie der Norddeutschen Mission eine begrenzte Gemeinschaft darstellen. Jegliche Zusammenarbeit mit anderen Kirchen oder Missionsgesellschaften, NGOs oder Regierungsbehörden bei spezifischen Problemen sollte ermutigt werden…

Unsere eigenen Kirchen können und sollten ihre Zusammenarbeit verstärken…