Ein afrikanischer Pastor
mit deutschem Pass wird zum
Angriffsziel nationalsozialistischer Hetze.

Die „Kwami-Affäre“

In ihrer langen Geschichte ist die Norddeutsche Missionsgesellschaft den Auswirkungen von Kriegen, Inflationen, politischen und geistigen Strömungen ausgesetzt gewesen. Ihre Mitarbeiter wollten ursprünglich nichts Anderes als den „Heiden“ das Evangelium bringen, mussten jedoch gleichzeitig mit Krankheiten, Geldsorgen, Kriegsfolgen kämpfen und oft genug schwierige Entscheidungen fällen. Oft waren es dann einzelne Persönlichkeiten, die solche Entscheidungen in die Tat umsetzten, die in die Kritik gerieten oder besondere Schicksale hatten. Zunehmend waren das Afrikaner, die sich für das Christentum entschieden hatten und die Geschicke ihrer Gemeinden - und später ihrer Kirchen – nach und nach selbst in die Hand nahmen. Ohne ihre Mitarbeit wäre die Mission unter den Ewe gescheitert.

Ein herausragendes Beispiel für eine solche Persönlichkeit ist Pastor Robert Kwami (1879 – 1945), der 1932 bei einem Besuch in Deutschland als Schwarzer den Hasstiraden des Oldenburger „Gauleiters“ und damaligen Ministerpräsidenten Carl Röver ausgesetzt war. Dieser Vorfall ist als so genannte „Kwami-Affäre“ in die Geschichte der Norddeutschen Mission eingegangen. Mehrere Autoren haben sich mit ihr befasst, so Friedrich Wilhelm Meyer, Archivar beim Evangelisch-Lutherischen Oberkirchenrat in Oldenburg, und der Oldenburger St. Lamberti-Pastor Ralph Hennings. Aus ihren Texten und Unterlagen ergibt sich folgende Geschichte:

Eine schwierige Entscheidung

Robert Stephen Kwami war der Sohn einer Lehrer- und Katechetenfamilie in der damals deutschen Kolonie Togo. Sein Vater war noch als Sklave verkauft und von den Missionaren in Anyako frei gekauft worden. Kwami ließ sich daraufhin aus Dankbarkeit taufen und besuchte die Schule der Missionare. Mit 15 Jahren reiste er 1894 das erste Mal nach Deutschland, wo er an der Ewe-Schule in Westheim bei Schwäbisch-Hall eine solide Schulbildung durchlief. Seine Abschlussarbeiten zeigten ein weit über dem Durchschnitt liegendes Niveau. Er sprach und schrieb Deutsch, Englisch und Ewe. Damit wurde er zu einem wichtigen Vermittler der Ewe-Kultur an seine Landsleute und ebenso an die Europäer. Ohne ihn wären wichtige Teile dieser Kultur verloren gegangen  In Westheim kam er auch mit der schwäbischen pietistischen Erweckungsbewegung in Kontakt, die ihn für sein ganzes Leben prägte.

Drei Jahre später, 1897, kehrte er nach Togo zurück und begann in Ho als Lehrer zu arbeiten. In dieser Funktion unterrichtete er nicht nur angehende Lehrer, sondern auch „eingeborene“ Beamte der deutschen Kolonialverwaltung. In dieser Zeit wurde er sich des kulturellen und politischen Zwiespalts bewusst, in dem er – und mit ihm viele andere Afrikaner - lebte: Sollte er Afrikaner bleiben oder sich den Weißen anschließen und ihnen dienen? Die deutschen Kolonialherren wollten ihn sogar zum „afrikanischen Chef“ ihrer Verwaltung machen. Kwami entschied sich, lehnte ab und ließ sich 1911 zum Pastor in Amedzofe ordinieren.

Der Erste Weltkrieg brachte für die Kolonien eine Zäsur: Die Deutschen wurden aus Togo vertrieben, das Gebiet 1916 unter britisch-französische Herrschaft gestellt. Dabei wurde der größere Teil Frankreich als Kolonie zugeschlagen, der kleinere Teil England. Wieder stand Robert Kwami vor einer Entscheidung: Sollte er sich durch Anpassung bei den neuen Kolonialherren beliebt machen? Sollte er die deutschen Missionare verleugnen und alles, was er von ihnen übernommen hatte, vergessen? Er hat darüber Aufzeichnungen hinterlassen:

„Als während des Weltkrieges die Missionare uns verlassen hatten, mussten wir uns klar werden, was mit unserer Sache geschehen solle. Wir riefen in den größten Ortschaften die führenden Leute, Heiden wie Christen, zusammen und legten ihnen die Frage vor: Die Missionare sind weg und wie es heißt, sollen sie nicht wiederkommen. Was sollen wir nun machen? Sollen wir die Sache der Mission liegen lassen oder sollen wir versuchen, sie weiterzuführen? Und die einmütige Antwort war: Wir können die Sache Gottes nicht aufgeben, sondern müssen für sie tun, was in unserer Kraft steht.“

Robert Kwami übernahm die Leitung der Gemeinde in Amedzofe. Er war auch dabei, als sich 1922 auf Anregung der schottischen Mission Pastoren, Lehrer und Laien in Kpalimé trafen, um zu beratschlagen, wie es weitergehen sollte. Dieses historische Treffen führte zur Gründung der unabhängigen Ewe-Kirche, deren Schriftführer Kwami 1931 wurde. Die junge Kirche war weitgehend auf sich gestellt, denn mit der Wirtschaftskrise sank das Spendenaufkommen aus Deutschland. Es gab einen regen Briefwechsel mit der Norddeutschen Missionsgesellschaft, die um ihre Zukunft bangte und Kwami im Sommer 1932 zu einer Vortragsreise durch Deutschland einlud.

Eine unüberhörbare Drohung

Die Reise wurde ein großer Erfolg für die Norddeutsche Mission, der schwarze Pastor aus Afrika erregte Aufsehen. Aus geplanten 60 Vorträgen wurden fast 150. Kwami besuchte 82 Orte, reiste durch Lippe, Ostfriesland und die Grafschaft Bentheim sowie durch das Oldenburger Land. Nur in der Stadt Oldenburg, in der die Nationalsozialisten bereits die Landesregierung stellten, gab es Schwierigkeiten. Carl Röver, als übler Volksverhetzer bekannt, zeterte gegen die geplante Veranstaltung am 20. September, auf der Kwami in St. Lamberti sprechen sollte. „Röver gab sich als Afrikaexperte“, schreibt Friedrich Wilhelm Meyer in seiner Kwami-Biografie. „Er war als Kaffeekaufmann vor 1914 in Kamerun gewesen und hatte dort gelernt, wie man mit ‚Niggern’ umgeht.“ Die NSDAP forderte das oldenburgische Staatsministerium auf, das „Auftreten des Negerpastors in der Lambertikirche sofort zu unterbinden.“ Die Polizei machte ebenfalls Druck auf die Kirchengemeinde, die jedoch alle Forderungen zurückwies und die Angelegenheit an den Oberkirchenrat weitergab.

Der antwortete den Nazis öffentlich, er habe „niemals Bedenken getragen, beglaubigte christliche Persönlichkeiten, die aus der Heidenwelt stammen, unter uns zu Wort kommen zu lassen.“ Trotzdem hetzte Röver auf einer Wahlveranstaltung erneut gegen Kwamis Auftreten: Das Vorgehen des Oberkirchenrats sei als Dummheit oder Frivolität zu bezeichnen und müsse eigentlich mit Zuchthaus bestraft werden. Es werde eine Zeit kommen,  wo die Nationalsozialisten mit  diesen Herren Fraktur reden würden, die so die weiße Rasse schändeten. Dann werde man so grausam sein, dass das Leben für diese Leute nichts bedeute. Es werde eine Zeit kommen, wo man von dieser Stunde, in der der Neger sprach, als einer Stunde tiefster Schmach reden werde. Das Gotteshaus, das erste Heiligtum, werde durch einen Menschen niedrigster Rasse geschändet.

Das war eine unüberhörbare Drohung. In der Norddeutschen Mission sorgte man sich um Kwamis Sicherheit. Doch dessen unerschütterliches Gottvertrauen beeindruckte die Verantwortlichen. Am 20. September war die St. Lambertikirche überfüllt. Rund 2000 Menschen hörten Kwamis in fließendem Deutsch gehaltene Rede, in der er eindringlich bat, in der Mission nicht nachzulassen und treu zum christlichen Glauben zu stehen. Und nachdem der oldenburgische Pfarrer Erich Hoyer an 35 Regionalzeitungen einen offenen Brief an Röver geschrieben hatte, er solle seine Äußerungen zurücknehmen, war die Affäre Kwami im ganzen Reich schlagartig Tagesgespräch. Sogar in niederländischen und englischen Zeitungen wurde darüber berichtet.

Seltsame Zufälle verhindern die Anklage

Röver nahm seine Worte nicht zurück. Der Oberkirchenrat strengte deshalb ein Gerichtsverfahren an, das aber offensichtlich unterlaufen wurde: Ein offizielles Stenogramm von Rövers Rede blieb verschwunden. Die Zeugen waren unzufrieden mit der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter. Von Seiten des Staatsministeriums wurde massiv in die Untersuchung eingegriffen. Der Anwalt des Oberkirchenrats hatte große Mühe, das Verfahren in Gang zu halten. Ende Dezember 1932 wurde es durch das Oberlandesgericht in Oldenburg im Rahmen einer Weihnachtsamnestie eingestellt. Damit endete die „Kwami-Affäre“ kurz vor der Machtübergabe an Adolf Hitler im Januar 1933. Im Rückblick sahen viele Menschen in der Affäre die Eröffnung des Kirchenkampfes im „Dritten Reich“. Die Widerständigkeit einer großen Zahl Oldenburger Christen zeigte sich auch 1936 noch einmal im so genannten „Kreuzkampf“, in dem Carl Röver teilweise die Anordnung zurücknehmen musste, die Kreuze aus öffentlichen Gebäuden, also auch aus den Klassenzimmern der katholischen Privatschulen, zu entfernen.  

Im Gemeindeblatt „Friede sei mit euch!“ in Lomé (Nr. 6 von 1934) blickte Robert Kwami noch einmal zurück: „Und man hat mich in keiner Stadt mit größerer Freude empfangen als in Oldenburg. Menschen, die sonst nicht zur Kirche gehen, kamen, so dass die Kirche brechend voll war. Viele fanden keinen Platz mehr und mussten während des ganzen Gottesdienstes stehen. Mein Herz war voll Freude und Dank gegen Gott. Eine große Schar Gottesdienstbesucher wartete draußen in der Kälte, bis ich heraus kam, und wünschte mir gute Reise und Wohlergehen mit großer Begeisterung. Um 11.30 Uhr nachts kam ich nach Bremen zurück mit einem Rosenstrauß, den ich Frau Inspektor Stoevesandt überreichte, die mich sehr erwartete. Gott hatte das Böse, das meine Feinde gegen mich geplant hatten, zum Besten seines Werkes und für mich gewandt. Darum vertraue nur Gott, bete, dann wird nichts Böses dich treffen.“

Als Kwami 1945 starb, erschienen einige lobende Nachrufe in Europa. Sie blieben ohne großes Echo, denn die Menschen waren kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs damit beschäftigt, irgendwie zu überleben.