Kente-Stoffe sind etwas Besonderes:
Individuell zusammengestellt,
geben sie Auskunft über die Menschen,
die sie tragen.

Im „Licht von Akosombo“

Kleider von Jil Sander oder Karl Lagerfeld sind ja ganz schön, aber im fernen Ghana, bei den schwarzen Webern, entstehen Kleider, die sind noch viel schöner als die. So könnte man den Spruch des Spiegels im Märchen von „Schneewittchen“ abwandeln, um zu verdeutlichen, dass es jenseits westlicher Moden noch etwas ganz Anderes gibt. Von Hand gewebt, mit Namen, die den Moment ihres Entstehens umschreiben, werden in Afrika Stoffe von eigener Schönheit zu besonderen Anlässen getragen – Unikate aus Baumwolle oder Seide, mit geometrischen Mustern, eigenem Charakter und eigenen Namen. Kente-Stoffe lautet die Sammelbezeichnung für diese unverwechselbaren Individualisten in der Welt der Kleider. Der Ursprung des Namens ist bis heute unklar. Manche übersetzen ihn mit „Korb“, andere meinen, er gehe auf einen König des 16. Jahrhunderts zurück.

Im westafrikanischen Ghana weiß jeder, was mit dem Begriff gemeint ist. In Europa sind Kente-Stoffe heute zwar bekannt, ein gewinnbringender Exportmarkt hat sich jedoch noch nicht entwickelt. Die Norddeutsche Mission (NM) möchte aber die Jahrhunderte alte Volkskunst fördern. In den Räumen der NM in Bremen kann man Beispiele dieser außergewöhnlichen Webkunst betrachten. So ein Kleidungsstück, auf der nächsten Party zu tragen und mit einer eigenen Geschichte, die man spannend erzählen kann, das haben Lagerfeld und Sander nicht zu bieten.  

Über 300 unterschiedliche Muster

Die Stoffe entstehen aus etwa handbreiten handgewebten Streifen, die zu Tüchern zusammengenäht werden. Typisch für sie ist die geometrische Vielfalt: Es gibt über 300 unterschiedliche Muster. In den Webereien sitzen in der Regel mehrere Männer – neuerdings auch Frauen – an ihren Webstühlen und arbeiten gemeinsam an einer Auftragsarbeit. Jeder Kunde kann seinen Stoff individuell zusammenstellen. Für ein repräsentatives Tuch für einen Mann werden 24 Streifen von 2,70 Metern Länge, für eine Frau 14 bis 18 Streifen von 1,80 bis 2 Metern Länge benötigt.

Die Weber haben gut zu tun, so dass sie meist keine Zeit für regelmäßige Mahlzeiten haben. Darum stellen sie sich einen Topf mit Mais und Erdnüssen an die Seite und knabbern nebenbei. Irgendwann ist dabei der Name eines bekannten Tuches entstanden, dessen Rand ein gold-schwarz kariertes Muster ziert – es heißt ganz einfach „Mais und Erdnüsse“. Häufig ist die Namensgebung aber komplizierter, so dass Außenstehende zwischen dem Tuch und seinem Namen keinen Zusammenhang erkennen können. Mal haben die speziellen Ornamente eine eigene Bezeichnung, mal wird auch das ganze Tuch nach einem Ereignis benannt, das während des Webens stattgefunden hat. So heißt zum Beispiel ein moderner Stoff „Licht von Akosombo“: Er wurde zum ersten Mal gewebt, als die Staumauer des Volta-Sees bei dem Ort Akosombo eingeweiht wurde.

Ein anderes Tuch heißt „Goldstaub“, da ein großer Bereich in leuchtendem Gelb gehalten ist. Aus reiner Seide ist „Reichtum stärkt die Familienbande“ gewebt. Für den Hausgebrauch gibt es aber auch schlichtere Muster, die eher erschwinglich sind, zum Beispiel „Kleiner Pfeffer“ oder „Sechs Schlüssel“. Die Namensgebung ist wichtig, denn die Stoffe  waren nie einfache Kleidung zum Schutz gegen Sonne, Regen oder Kälte. Es steht vielmehr immer eine Bedeutung dahinter – meistens, um etwas über den Träger oder die Trägerin des Kleidungsstückes auszusagen.

Kente-Stoffe dienten und dienen in Afrika hauptsächlich zeremoniellen Zwecken. Sie werden bei offiziellen Anlässen von Häuptlingen und ihrem Gefolge getragen, aber auch bei familiären Ereignissen wie der Geburt von Zwillingen.  Dann werden die Neugeborenen in Kente-Stoffe gehüllt. Stirbt jemand, werden seine Tücher noch einmal hervorgeholt und betrachtet, denn sie spiegeln mit ihren Namen und Mustern das Leben des Verstorbenen. Auch der frühere Staatspräsident Nkruma hat sich besonders im Ausland in Kente-Stoffen gezeigt und sie so weltweit bekannt gemacht.

Die Norddeutsche Mission bewahrt die Tradition


Die Stoffe sind eine ghanaische Spezialität. Sie werden in zwei Zentren des Landes hergestellt: einmal in der Nähe der Universitätsstadt Kumasi, zum andern im Südosten des Landes an der Grenze zu Togo nahe dem Voltasee-Gebiet bei dem Ort Hohoe. Der im Südosten gelegene Markt Akbozume ist der größte Umschlagplatz für Tuche in ganz Westafrika. Die Norddeutsche Mission unterstützt eine Weberei in Gbi Weg Bi bei der Stadt Hohoe (Ewe-Gebiet). Hier und in der erst 1999 gegründeten Produktionsstätte in Pagbo in der Nähe von Ho sollen vor allem Jugendliche zu Webern ausgebildet werden. Die Muster und Namen der Stoffe sind bisher nur mündlich in den Weber-Familien überliefert worden. Die Alten kennen sie noch, doch es besteht die Gefahr, dass das Wissen verloren geht.

Wie um so viele Dinge des praktischen Alltags rankt sich in Afrika auch um die Weberei eine Geschichte. Sie handelt von dem Spinnenmännchen Ananse. Der kleine Kerl hat der Sage nach den Webern ihre Kunst beigebracht. Wenn früher ein Lehrling sein erstes Stück fertig hatte, wurde es deshalb aus Dankbarkeit gegenüber Ananse an den Rand des Dorfes getragen und ein Abschnitt der Spinne geopfert. Von ihr erzählt man sich in Ghana folgende Geschichte:

Die Geschichte vom Spinnenmännchen

Kwaku Ananse ärgerte sich seit langem darüber, dass es unter den Menschen so viele Weise gab. Er beschloss deshalb, alle Weisheit zu sammeln und für seine Nachkommen aufzubewahren. Er nahm einen großen Tonkrug, wanderte damit durch die Welt und stellte Mensch und Tier die schwierigsten Fragen. Erhielt er eine kluge Antwort, öffnete er schnell seinen Krug und fing sie darin ein. Als er glaubte, alle Weisheit der Welt eingesammelt zu haben, verschloss er den Krug und ging fröhlich nach Hause.  Dort wollte er das Gefäß verstecken, um es zunächst nur seiner Familie zu zeigen. Er verfiel darauf, es in der luftigen Höhe eines Baumes zu befestigen. Also band er sich den Krug vor den Bauch und begann den Aufstieg.

Das ging jedoch nicht gut. Immer wieder fiel er auf die Erde, verletzte sich, wurde immer verbissener. Da kam ein Hase vorbei, der wollte ihm helfen. „Guten Abend, Kwaku Ananse“, sagte er, „ich habe dir eine Zeit lang zugesehen, wie du dich vergeblich abgemüht hast, deinen Krug auf den Baum zu bringen. Wäre es nicht einfacher, wenn du dir das Gefäß auf den Rücken bändest?“ „Was sagst du da?“ schrie Kwaku Ananse. „Ich dachte, ich hätte alle Weisheit dieser Welt in meinem Krug eingefangen, aber jetzt sehe ich, dass es immer noch klügere Leute gibt als mich!“ Bei diesen Worten riss er sich seine schwere Last vom Bauch und schleuderte sie mit solcher Gewalt gegen den Baum, dass der Krug in tausend Scherben zersprang. „Nun mag die Weisheit in alle Welt entfleuchen“, schimpfte er und stapfte durch das hohe Gras nach Hause.