Kaninchen und Schnecken
sichern Einkommen für Benachteiligte.

Bildung und mehr im „Bremen Village“

Als Deutschland 1945 am Boden lag und die meisten Menschen arm und hungrig waren, gab es einen Fleischlieferanten, der heute gern als possierliches Kuscheltier für Kinder gehalten wird: das Kaninchen. Gras und Löwenzahn wuchsen überall, auch konnte man die Tiere gegen andere Waren tauschen. Heute sind in Ghana viele Menschen arm und auch oft hungrig. Und wer ist dort ein Fleischlieferant mit wachsender Beliebtheit? Das Kaninchen. Deutsche und afrikanische Kirchen sind es, die gemeinsam in dem westafrikanischen Land Ideen für eine andere Landwirtschaft verbreiten und in Modellfarmen in die Tat umsetzen.

Ein Musterbeispiel ist das so genannte Bremen Village/ Ho-Farms: eine Modellfarm nahe der Stadt Ho, gekoppelt mit einem Bildungs- und einem Tagungszentrum, unterstützt von der Norddeutschen Mission mit Sitz in Bremen (daher der Name). Die Mission ist - neben der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit in Ghana - eine tragende Brücke zwischen ihren sechs Partnerkirchen und damit zwischen Afrika und Europa. Durch ihre Beteiligung an der Modelleinrichtung setzt sie ein Zeichen für „Helfen mit Sinn“. „Solidarität überwindet menschliche Kälte“ ist ihre christliche Erfahrung, „die kulturelle Unterschiedlichkeit achten und schützen, das Verbindende suchen und herausstellen“ ihr Motto. Ziel der gemeinsamen Projekte in Ghana ist es, akute Not zu lindern, Eigeninitiative zu fördern und den Menschen langfristig zu einem ausreichenden, beständigen Einkommen zu verhelfen. Gleichzeitig sorgt die NM dafür, dass die Lebensverhältnisse der Menschen in Ghana und deren globale Bedingungen in Deutschland bekannt werden.

Das „Bremen Village“ im Einzugsgebiet der Stadt Ho im Süd-Osten Ghanas ist ein Fortbildungs- und Beratungszentrum für Landwirte, Lehrerinnen und andere Multiplikatoren, für Frauen-, ebenso aber auch für Behindertengruppen. Trägerin ist die Evangelisch-Presbyterianische Kirche von Ghana. Ihre Entwicklungsabteilung ist zu einem wichtigen Bereich geworden. Nach dem Motto „Das ganze Evangelium für den ganzen Menschen“ sieht sie ihre Aufgabe nicht nur in der Verbreitung des Evangeliums, sondern ebenso darin, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Die Kirche hat schon seit den 60er Jahren Schulen und Gesundheitsstationen gegründet und setzt sich fortlaufend mit den drängenden sozialen Fragen und Aufgaben im Land auseinander.

Familienplanung und Kaninchenzucht

Im Schulungszentrum geht es um Hintergrundwissen zu Landwirtschaft samt Ökologie und Nachhaltigkeit, um langfristiges Planen, um gründliche Information über Gesundheit und Hygiene, Familienplanung und HIV/Aids. Das bedeutet nicht, dass die Menschen in Ghana nun
nach europäischen Maßgaben leben und wirtschaften sollen. Das Ziel besteht vielmehr darin, mit den im Land vorhandenen Gegebenheiten bestmögliche und zugleich schonende Ergebnisse zu erreichen: die traditionellen Pflanzen und Nutztiere mit neuen zu ergänzen oder sie ganz zu ersetzen, Pilzzucht und Gemüseanbau zum Beispiel oder Kaninchen-, Ziegen-, Schnecken- und Bienenzucht statt Kakao. Es bietet außerdem speziell für Behinderte Seminare an, die Fertigkeiten vermitteln, mit denen die Betroffenen selbstständiger und unabhängiger von Almosen werden. Das ist in Ghana für Menschen mit Handicap ein überlebenswichtiger Schritt.

„Wir haben Frauenprogramme zu Ernährungsfragen und zur Planung von Projekten, die ein ausreichendes Einkommen schaffen“, sagt Vida Ahiati, seit 2002 Leiterin des Zentrums. „Wir bieten Kurse in Bienenhaltung, Schnecken- und Pilzzucht an, ebenso für die Haltung von Schafen, Ziegen, Geflügel und – ganz neu – Kaninchen.“ Weitere Arbeitsbereiche sind biologische Landwirtschaft, Agrarforstwirtschaft und Informationsveranstaltungen über Familienplanung – ein gewaltiger Aufgabenkatalog für ein kleines Team: „Vier Mitarbeiterinnen werden voll bezahlt, drei weitere auf Honorarbasis beschäftigt. Das klappt, weil alle hoch motiviert sind“, sagt Vida Ahiati.

Neben solchen ganz praktischen Anleitungen für die tägliche Ernährung gehört auch Theorie zum Fortbildungsprogramm für die ländliche Bevölkerung: Grundkenntnisse über gesunde Ernährung, Informationen über verbesserte Anbaumethoden und Tierhaltung, nachhaltiges Wirtschaften, Naturschutz und Bodenpflege – zum Beispiel der schonende gemeinsame Anbau von Mais und Bohnen, der Gebrauch natürlicher Pestizide und Methoden, um die Erosion des Bodens unter Kontrolle zu halten. Die Themen Gesundheit und Ernährung sind in Ghana Frauensache. „In Afrika läuft eben Manches getrennt in Männer- und Frauengruppen“, sagt Agnes Asamoah. Als weibliche Mitarbeiterin im „Bremen Village“ hat sie besonderen Zugang zu den Frauen: „Für mich ist es viel leichter, Fragen wie Familienplanung, Hygiene, Gesundheit und Ernährung mit den Frauen zu besprechen.“

Dem Beratungszentrum ist ein Tagungszentrum mit 33 Betten und Seminarräumen als zweites Standbein angegliedert. Es wird sowohl für Konferenzen als auch für private Anlässe – zum Beispiel Beerdigungen, die in Ghana groß begangen werden – vermietet. Kirchliche Gruppen zahlen einen reduzierten Preis. „Dieses Einkommen entlastet unser Budget ein wenig“, berichtet die Leiterin von Ho-Farms. „Seit wir die Unterbringungsmöglichkeiten haben, kommen jedes Jahr Gruppen von der Ohio State University aus den USA mit bis zu 20 Studierenden, die sich für unsere Arbeit interessieren.“

Schnecken und Kaninchen

Die meisten Menschen in Ghana leben von der Landwirtschaft. Die Beratung im Zentrum hilft den Bauern und ist so ausgerichtet, dass sie bei ihrer Arbeit gleichzeitig die Natur schützen. „Die Menschen hier brauchen Möglichkeiten, ihr Einkommen zu verbessern, und  sie brauchen eine gute Ernährung – das heißt, auch ab und zu Fleisch“, sagt Vida Ahiati. „Bisher waren Kaninchen als Fleischlieferanten in Ghana nicht so bekannt. Aber wir haben jetzt schon mehrere Kurse durchgeführt und den Teilnehmenden gezeigt, wie man Kaninchen züchtet und vermarktet. Die Akzeptanz steigt. Man braucht nicht viel Platz, das Futter ist billig, das Fleisch schmeckt.“

Manchmal kommen neue Ideen auch unauffällig und langsam daher – zum Beispiel im Schneckentempo. Diese Erfahrung machen Frauen in Ghana, die sich auf eins der Programme ihrer evangelischen Kirche eingelassen haben: Schneckenzucht als Einkommensquelle. Witwen, die heute nicht mehr automatisch unter dem Schutzschild einer Großfamilie Hilfe suchen können, auch junge Leute ohne Perspektiven haben damit eine Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen. Ein Wohlfahrtssystem nach europäischem Vorbild, das sie auffangen würde, gibt es in Ghana nicht.

Schneckenzucht ist auf wenig Raum und ohne großen Aufwand möglich. Die Kriechtiere sind eine Delikatesse, ihr Eiweißreichtum beugt Mangelernährung vor. Sie dienen in Ghana der eigenen Ernährung und lassen sich auch gut verkaufen. Die Zucht ist nicht schwierig: Etwa 200 Tiere passen auf einen Quadratmeter. Gefüttert werden sie mit grünen Blättern und Küchenabfällen. Um sie vor Ameisen zu schützen, reicht eine Folie auf dem Boden, gegen hungrige Vögel ein Maschendrahtdeckel. In der Trockenzeit verkriechen sich die Tiere normalerweise im Boden, um sich vor Austrocknung zu schützen. In der Zucht kann für durchgehende Feuchtigkeit gesorgt werden, so dass in der Zeit, wenn die Schnecken in der Natur rar und stark nachgefragt finden sind, gute Preise erzielt werden.

Das Aus- und Fortbildungszentrum „Bremen Village“ bietet ferner Kurse im Anbau von Maniok, einer anspruchslosen, vielseitig verwendbaren Pflanze. Sie wächst auf trockenen Böden und hält ebenso tropischen Regengüssen Stand. Aus den Wurzeln wird ein Mehl (Gari) gewonnen, das sich gut lagern und transportieren lässt. Die Knolle wird in Dampf oder Wasser gekocht, manchmal auch frittiert. Die Blätter des Maniok werden - mit Erdnusspaste, Ölpalmenfrüchten oder Kokosmilch zubereitet - als Gemüse gegessen. Die im Maniok enthaltenen Mineralstoffe, Vitamine und Proteine sind neben den kohlehydrathaltigen Wurzeln wichtig für eine gesunde Ernährung.

Engagement für Behinderte

Wer seine kleine Landwirtschaft umgestalten möchte, braucht Startkapital. So werden neben den Schulungen auch Kleinkredite benötigt. Wer Batiken, Seife oder Brot herstellen und verkaufen möchte, braucht Startkapital für Stoffe, Farben, Geräte. Eine solche Kombination von Landwirtschaft und Gewerbe wird durch das Schulungszentrum gefördert – schließlich garantiert sie ein über das Jahr verteiltes Mindesteinkommen. Missernten, schlechtes Wetter, Pflanzenkrankheiten und Ungezieferplagen bedrohen dann nicht mehr die gesamte Existenz.

In einem Land wie Ghana sind Menschen mit Behinderungen eine enorme Belastung für ihre Familien, da es keinerlei staatliche Hilfen gibt. Angesichts der großen Armut muss jedoch jeder versuchen, etwas zu seinem Lebensunterhalt beizutragen. Hier setzt die „Community Integrated Rehabilitation of the Blind/ CIRB)“ (Gemeinschaft für die integrierte Rehabilitation Blinder) an. Das Zentrum für Blinde, Sehgeschädigte und Fehlsichtige liegt in der Distrikthauptstadt Hohoe östlich des Volta-Stausees. Von hier aus sind Ehrenamtliche in die umliegenden Dörfer gegangen, um sehbehinderten und blinden Menschen Hilfen für eine selbstständige Bewältigung des täglichen Lebens zu geben. Darüber hinaus werden Kenntnisse  vermittelt, mit denen sich die Betroffenen eine eigene Existenz aufbauen können. Dazu gehören Kurse in Tierhaltung, Imkerei, Schneckenzucht, Handwerk, Bäckerei und Kleinhandel.

„Wir sind sehr stolz darauf, dass sich die Kirche hier engagiert“, sagt Pastor Yao Adjakra. Er ist Superintendent des Kirchenkreises, zu dem Hohoe gehört. „In Afrika ist die Arbeit mit Behinderten relativ neu und wird noch nicht als Selbstverständlichkeit angesehen. Für uns Christen gehört sie jedoch zu unserem Selbstverständnis.“

Radio und Presse berichten


Um mit den Fortbildungsprogrammen noch mehr Menschen zu erreichen, werden diese  auch über Radio und Presse bekannt gemacht. Langfristig soll aus dem „Bremen Village“ ein nationales Trainingszentrum werden, in dem die Teilnehmenden auch in Buchhaltung und Management ausgebildet werden. Das wird die Einrichtung allerdings aus eigenen Mitteln nicht schaffen. Dazu braucht die Presbyterianische Kirche von Ghana als Trägerin noch die finanzielle Hilfe der deutschen Partnerkirchen in der Norddeutschen Mission. Doch die langfristig angelegte „Hilfe zur Selbsthilfe“ trägt inzwischen erste Früchte. Neue Fähigkeiten, nachhaltiges Wirtschaften in ertragreichen Nischen schaffen neue Arbeitsplätze, tragen zum Umweltschutz bei und vermitteln Hoffnung. „Bremen Village“ ist noch klein, doch es zieht wie ein ins Wasser geworfener Kieselstein immer weitere Kreise.