Aus einem erweckungsbewegten Missionsverein
ist ein partnerschaftlicher Kirchenbund geworden.

Wer oder was ist die „Bremen Mission“?

Noch heute spricht man in Westafrika liebevoll von der „Bremen Mission“ wie von einem Familienunternehmen: Gemeint ist allerdings die Norddeutsche Mission mit Sitz in Bremen, deren Abgesandte vor über 170 Jahren mit der Bibel im Gepäck auf dem schwarzen Kontinent landeten, um dem Volk der Ewe das Evangelium zu bringen. Die wechselvolle Geschichte der “NM“ hatte im Wohnzimmer des damaligen Dom-Predigers Johann David Nicolai begonnen:

Dort gründen in der Adventszeit 1819 einige engagierte Herren den „Bremer Missionsverein“.
Zwischenzeitlich verlagerte sich der Schwerpunkt der Missionsaktivitäten nach Hamburg. Gemeinsam mit weiteren fünf Vereinen gründet man dort im Jahre 1836 die „Norddeutsche Missionsgesellschaft“.
Jens Flato aus Horn und Lüer Bultmann aus der Vahr gehören zu den ersten, die sich auf die Reise machen. Bremische Pfarrer, Kaufleute und Gemeindekreise stärken dem kleinen Missionsunternehmen beständig den Rücken ebenso der bekannte Bremer Prediger von St. Stephani, Friedrich Mallet, auf dessen Namen der erste afrikanische Pastor getauft wird. Der Verein  spielt also nicht nur für die Ewe-Volksgruppe im fernen Afrika eine große Rolle,  sondern auch in der Geschichte Bremens.

Für die fernere Zukunft Bahn brechend ist die in der Satzung festgeschriebene Absicht, deutsche Konfessionsunterschiede nicht nach Übersee zu verpflanzen. Die dort entstehende Kirche soll sich „unter der Leitung des Herrn eigentümlich gestalten“. Das geistliche Konzept, offenbar vom Gründer der Inneren Mission, Johann Hinrich Wichern, übernommen, ist allerdings noch lange geprägt durch den leidenschaftlichen Pietismus eines „Kampfes wider die Gottlosigkeit“.

Dürftig sind dagegen zunächst die Informationen über die „Heidenwelt“ draußen. So erweisen sich die frühesten Aktivitäten in Neuseeland  und Indien ziemlich rasch als Missgriffe. Erst 1847, mit der Landung von vier Ausgesendeten an der westafrikanischen damaligen Sklavenküste, fasst die Norddeutsche Mission dauerhaft Fuß – allerdings unter erheblichen Opfern: Nach sieben Jahren sind die ersten sieben  Ewe-Leute getauft, aber es gibt auch sieben Missionarsgräber. Trotzdem ist das Sendungsbewusstsein der Missionare ungebrochen. Ethnologische Studien – „Die Ewe-Stämme“, ein „Schlüssel“ zur Ewe-Sprache und eine erste Fibel werden gedruckt. Man will die Einheimischen besser verstehen und die Botschaft Jesu Christi verständlicher machen.

Die Gründung der Kolonie Deutsch-Togoland 1884 und der einsetzende Handel bringen nicht nur Arbeitserleichterungen für die Missionare. Franz-Michael Zahn, langjähriger und bedeutender Inspektor der Norddeutschen Missionsgesellschaft, wehrt sich entschieden gegen die Vermischung von Glauben und Kolonialpolitik, vor allem gegen die Geschäftemacherei mit Branntwein. Seine Ziele sind die Bekehrung und geistige Befreiung des Einzelnen, das Ernstnehmen der Volkssprache und die Selbstständigkeit der schwarzen Kirche.

Die Besetzung des Missionsgebiets durch die Westmächte im Ersten Weltkrieg ist für die junge afrikanische Kirche ungewollt ein erster Schritt in diese Selbstständigkeit. Sie hat 1914 etwa 11 000 Mitglieder, 14 Pastoren und 237 Religionslehrer. Bibel, Gesangbuch und Katechismus liegen in der Ewe-Sprache vor. Als Togo in eine britische und eine französische Mandatszone geteilt wird, konstituiert sich grenzübergreifend die „Evangelische Ewe-Kirche“. Erst zwischen 1923 und 1939 kann die Missionsgesellschaft wieder Mitarbeiter entsenden. Aber der bisherige „Einbahnverkehr“ von Deutschland nach Westafrika weicht nach und nach einer geschwisterlichen Partnerschaft. Eine Vortragsreise des schwarzen Pastors Robert Kwami am Vorabend der Machtübergabe an Adolf Hitler wird in Oldenburg von einer rassistischen Hetzkampagne der Nationalsozialisten begleitet. Die Kirche, Gemeinden und das Missionswerk stützen ihn und so hält er trotzdem in ganz Norddeutschland 150 glaubensstarke Vorträge.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hat die Kirche in Britisch-Togo etwa 40 000, in Französisch-Togo rund 18 000 Mitglieder. Die Norddeutsche Missionsgesellschaft, nun für zwanzig Jahre aus „ihrem“  Arbeitsfeld ausgesperrt, sucht unter der Leitung von Pastor Erich Ramsauer neue Einstiege. Versuche in Japan erweisen sich lediglich als Zwischenspiel, bis sich erneut der vertraute Wirkungskreis in Afrika öffnet. 1957 werden Britisch-Togo mit der Goldküste, 1960 Französisch-Togo unabhängige Staaten: Ghana und Togo. Und beide Kirchen, die „Evangelical-Presbyterian Church, Ghana“ und die „Eglise Evangélique du Togo“ bitten die Missionszentrale in Bremen um geschwisterliche Hilfe. Allerdings hat sich inzwischen die Konzeption der Arbeit gründlich verändert: Die Europäer unterstellen sich nun den Initiativen der afrikanischen Kirchenleitungen. Diese treiben Mission in ihrem Landesinnern und entwickeln eine bodenständige Theologie – Glaubenserfahrungen, die nun auch der europäischen Christenheit zugute kommen.

„Das ganze Evangelium für den ganzen Menschen“ lautet nun die Devise. Unter der Assistenz von Pastor Erich Viering bereisen in Togo mobile Evangelisationsteams die weniger erschlossenen Gebiete mit Wort und Spiel, mit diakonischer und medizinischer Betreuung. Es entstehen neue Gemeinden, Schulen, Landwirtschaftsprojekte, Polikliniken und ein modernes Krankenhaus am Fuß des Berges Agou. Schwerpunkt der Arbeit in Ghana ist die Volta-Region. Bedeutung gewinnt dort das evangelische Sozialzentrum: Hunderte von Dörfern müssen dem riesigen Volta-Stausee weichen. Die entwurzelten Bauern werden auf ihre ungewohnte Existenz in den „Resettlement Towns“ und zu Fischern umgeschult. Gleiche Bedeutung hat aber auch die missionarische Arbeit im Norden des Landes.

Seit ihrer Gründung 1836 war die Norddeutsche Missionsgesellschaft ein unabhängiger Zusammenschluss. 1980 wird sie in die jeweiligen Kirchen integriert: Die Bremische Evangelische Kirche, die Lippische Landskirche, die Evangelisch-reformierte Kirche und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg sind von da an gemeinsam ihre Trägerinnen. Die Zusammenarbeit zwischen diesen Kirchen wird intensiver. Partnerschaften zwischen Gemeinden entstehen, ebenso im Bereich der Frauen- und Jugendarbeit. Für Bremen spielt der enge Kontakt des Posaunenwerks mit der Bläserarbeit in Togo eine besondere Rolle.

Der Bremer Pastor und spätere Generalsekretär der Norddeutschen Mission, Hannes Menke, schlägt durch seine Arbeit von 1989 bis 1998 in der Gemeinde von Lomé und danach als Leiter der Bibelschule in Atakpamé eine persönliche Brücke zu den Schwesterkirchen. Die engen wechselseitigen Beziehungen zwischen den deutschen und afrikanischen Kirchen werden in einer neuen Satzung festgeschrieben. Seit 2001 ist die Norddeutsche Mission ein gemeinsames Werk der beiden westafrikanischen und der vier nordwestdeutschen Kirchen. Intensiver Austausch und Begegnung, die Suche und das Engagement für eine gemeinsame Mission in unterschiedlichen Kontexten und praktische gegenseitige Unterstützung sind die heutigen Kennzeichen der Norddeutschen Mission.