Bildung ist ein Fundament der Norddeutschen Mission:
Mercy Baëta, eine afrikanische Lehrerin für Mädchen

Ein begabter „Wildling“

Als die europäischen Missionare  im 19. Jahrhundert nach Afrika gingen, um dort das Evangelium zu verbreiten, nahmen sie ihr Weltbild und ihre Vorstellungen vom rechten Leben mit. So auch ihre Sicht auf Frauen: „Das Ideal soll sein und bleiben, dass sie zu künftigen Hausfrauen, zu Gehilfinnen ihrer Männer herangezogen und gebildet werden.“ Dieses Muster sollte eins zu eins auf die afrikanischen Frauen übertragen werden – was mal mehr und mal weniger gelang.

Ein Beispiel für das Weniger ist Mercy Baëta (1880 – 1917), ein junges Mädchen aus Accra in Ghana, vielseitig begabt, wissbegierig, eigenständig und gefördert durch eine ebenso eigenständige Diakonisse: Hedwig Rohns (1852 - 1935) war eine der wenigen Frauen, die bereits im 19. Jahrhundert für die Norddeutsche Mission nach Afrika gingen und dort im Erziehungs- und Gesundheitsbereich arbeiteten. Als Diakonisse zur Ehelosigkeit verpflichtet, war sie an ein weitgehend selbst bestimmtes Leben und eigene Einkünfte gewöhnt und übertrug diese Einstellung auf die Mädchen ihrer Schule in Keta im Süden Ghanas – wobei sie sich allerdings als Europäerin an der afrikanischen Pädagogik rieb. Die Kindererziehung, so schreibt sie in ihrer Biografie über Mercy Baëta, liege bei den Heiden sehr im Argen: Auf der einen Seite würden wirkliche Fehler der Kinder mit übertriebener, falscher Liebe zugedeckt und andererseits geringe Vergehen mit grimmigem Zorn bestraft.

Über 20 Jahre lang war Hedwig Rohns für die Norddeutsche Mission tätig, gründete 1891 eine Schule für kleine Kinder und 1894 die lang ersehnte erste Mädchenschule in Keta. Sie erreichte es sogar, dass ein in Deutschland gebautes Holzhaus für diese Schule nach Ghana verschifft wurde – ein frühes Mobilheim. Die Diakonisse aus Deutschland hatte damit durchgesetzt, dass die Mädchen eine eigene, von den Jungen getrennte Schule bekamen. Aus diesen Anfängen entwickelte sich eine eigenständige Frauenarbeit innerhalb der neu entstehenden evangelischen Kirche in Ghana: Die Schulabgängerinnen gründeten mit Unterstützung der Diakonissen einen „Jungfrauenverein“, um den Zusammenhalt untereinander und auch die keusche Disziplin zu erhalten, die ihnen in der Missionsschule vermittelt worden war.

Für eine Ehe nicht geschaffen

Aus den Kindern wurden junge Frauen, die in diesem Verein ein eigenständiges Forum fanden. Hier konnten sie über persönliche Belange und ebenso über berufliche Perspektiven offen reden. Hedwig Rohns ermutigte sie, sich zu Lehrerinnen ausbilden zu lassen. Sie war – im Gegensatz zu den männlichen Missionaren - der Meinung, dass die Mädchen diesen Beruf erlernen sollten, um später selbst den Unterricht in die Hand zu nehmen. Aus zwei Gründen: Afrikanische Kinder sollten dereinst von afrikanischen Lehrerinnen unterrichtet werden, die damit eigenes Geld für ein selbstständiges Leben verdienen konnten. Entsprechend bestand Hedwig Rohns darauf,  dass der Lehrplan ihrer Schule die Mädchen auf eine Berufstätigkeit vorbereiten sollte.

Die „Wildlinge“, wie die deutsche Diakonisse ihre Schülerinnen nannte, waren an solchen Aussichten sehr interessiert. Die Schulen entwickelten sich: Waren es 1891 zehn Kinder in der Kleinkindschule, so waren es 1909 bereits 300. Die Mädchenschule startete 1894 mit 30 Schülerinnen, 1909 waren es 150. Eines dieser Kinder war Mercy Baëta, die ältere Schwester des späteren Pastors und Schriftführers der Ewe-Kirche, Robert Baëta. Schon im Alter von 14 Jahren begann Mercy, Hedwig Rohns beim Unterrichten zu helfen. Dabei entpuppte sie sich als begabte Pädagogin und Musikerin am Harmonium. Eigentlich sollte sie nur im Unterricht für Ruhe und Disziplin sorgen und Botendienste erledigen, doch Hedwig Rohns erkannte ihre Talente und förderte sie.

Dank ihrer Fähigkeit, unter allen Beteiligten – Eltern, Lehrerinnen, Schülerinnen – zu vermitteln, wurde sie bald ins Unterrichtsgeschehen einbezogen und entwickelte sich so zu einer eigenständig unterrichtenden Kraft an der Mädchenschule. Gemeinsam mit anderen nahm sie nach dem Unterricht an der Fortbildung zur Lehrerin teil, war erfolgreich in den Fächern Didaktik und Pädagogik, Englisch und Musik – ein Talent, das zu den besten Hoffnungen berechtigte. In Hedwig Rohns Biografie schwingt sowohl Anerkennung für das Engagement Mercy Baëtas und die kompetente Zusammenarbeit mit ihr als auch eine nahezu zärtlich anmutende Zuneigung zwischen den beiden Frauen.

Mercy Baëta arbeitete später an mehreren Standorten der Norddeutschen Mission in Westafrika. Die Missionsarbeit sollte für sie zum Lebensinhalt werden. Eine Ehe war ihr – ganz entgegen der Tradition ihres Volkes – nicht wichtig. Diese Einstellung sollte ihr zum Verhängnis werden: Als ein Missionar um ihre Hand anhielt, war es gerade die Norddeutsche Mission, die sich dieser Verbindung entgegen stellte. Mit 36 Jahren musste Mercy Baëta dann jedoch den „Heiden“ Thomas Acolatse heiraten. Bereits im Folgejahr wurde sie krank und starb kurz nach ihrem 37. Geburtstag.