Wie sehr die Märkte in Ghana
von der Europäischen Union abhängig sind,
zeigt sich an der Vermarktung von Hühnerteilen.

Ghana – arm durch Erpressung

Das westafrikanische Ghana ist ein Beispiel dafür, wie die Globalisierung über das Wohl und Wehe einzelner Menschen entscheidet: Niedrige Preise für die ghanaischen Exportgüter – Rohstoffe, landwirtschaftliche Erzeugnisse und vor allem Kakao – und hohe Preise für importierte Waren wie Maschinen, Konsumgüter und Energie lassen die Handelsbilanz des Landes schlecht aussehen. Als weiteres Übel kommt seit einiger Zeit eine Art „Hühnerkrieg“ zwischen europäischen  Fleischexporteuren und den einheimischen Geflügelzüchtern dazu.
Trotz drastischer Wirtschaftsreformen ist das Land überschuldet. Das Pro-Kopf-Einkommen, etwa 505 US-Dollar im Jahr 2005, ist gesunken. Die Folge: Ghana zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Rund 75 Prozent der Menschen leben in Armut, die Hälfte davon sogar in extremer Armut.

Wer verdient wirklich am Kakao?

Dass die Erzeuger des leckeren Kakao arm bleiben, hat seine Ursache in den westlichen Industrieländern. Hier, wo der Kakao weiterverarbeitet wird, findet der tatsächliche Wertschöpfungsprozess statt und nicht im Anbauland Ghana. Dort zahlt zwar der staatliche Zwischenhändler heute den Kakao-Bauern 72 Prozent des Weltmarktpreises, aber am Endprodukt Schokolade verdienen die Hersteller in den Industrieländern.

Ein Beispiel: Im Jahr 2005 erhielten die Kakaobauern pro Tonne Rohkakao 72 Prozent von 1524,7 US-Dollar, also 1097,8 US-Dollar. Im gleichen Jahr kostete in Deutschland eine 250-Gramm-Packung im Durchschnitt 2,32. Ein ghanaischer Kakaobauer aber erhielt für diese Menge 0,21 Euro, also lediglich zehn Prozent. Die wirklichen Gewinne fließen in die Taschen derer, die den Kakao in den westlichen Industrieländern verarbeiten. Und neuerdings benutzen sie dazu auch nicht mehr die Kakaobutter aus den Ursprungsländern, sondern andere Fette. Der Grund: Im Mai 2000 hat die Europäische Union entschieden, dass in ihren Mitgliedsländern bei der Schokoladeherstellung die Kakaobutter durch billigere tropische Pflanzenfette ersetzt werden darf. So können die ghanaischen Bauern nicht einmal mehr die Butter der Kakaobohnen verkaufen. Das bedeutet, dass der Bedarf an Kakaobohnen um bis zu 200 000 Tonnen sinkt. Das hat die „European Fair Trade Assoziation“ ausgerechnet. Und diese Zahl gilt nur für Europa – je mehr Länder dieser Strategie folgen, umso stärker sinkt in Ghana die Verkaufsmenge an Kakao.

Gegen solche Einwirkungen von außen kommt auch die vom Staat angestoßene Armutsbekämpfungsstrategie nicht an. Doch trotz aller Probleme ist Ghana ein wirtschaftlich und politisch stabiles Land. Deshalb erhält es große Unterstützung durch die internationale Gebergemeinschaft und damit auch aus Deutschland. Der deutsche Staat gleicht also mit die Verluste der Kakaobauern aus, die durch die eigene Schokoladenindustrie verursacht werden.

Keine Chicken schicken!

Wer in deutschen Supermärkten schlichtes Hühnerklein für die Suppe kaufen möchte, sucht meist vergeblich. Ganze Hühner, Brust oder Schenkel der Kategorie 3, also von gesunden Tieren – kein Problem. Über die Reste aber haben zuvor schon die Schlachthäuser entschieden: Ein kleinerer Teil wird in der Lebensmittel-, Kosmetika- oder Arzneimittelindustrie verwertet, der Rest wird ins Ausland verschifft, um auf den dortigen Märkten Gewinne zu erzielen: Hühnerfüße etwa werden als Delikatesse nach China verschickt, aber auch in Ghana und Togo landen Flügel, Hälse, Füße und auch Schenkel auf den Märkten, und zwar zu wesentlich günstigeren Preisen als aus der einheimischen Zucht: 1,20 Euro pro Kilo im Gegensatz zu 2,27 Euro für ghanaische Ware. Man sollte meinen, für ein armes Land ist das eine gute Tat - wer in Ghana Huhn auf den Tisch bringt, steigert damit sein Ansehen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Das gilt in zweierlei Hinsicht: gesundheitlich und wirtschaftlich. Die lokalen Hühnerhändler bieten nur ganze Hühner zum Verkauf an. Damit garantieren sie Frische. Hühnerteile gibt es nur bei den Importen. In einem Land mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit ist totes Fleisch der ideale Nährboden für Keime und Krankheitserreger. Und das gilt ganz besonders für die Importe. Nachdem die Ladung der Hühnerteile im Hafen gelöscht worden ist, werden große Teile der Ware auf offenen Pritschenwagen bei über 30 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit zu den oft mehrere Stunden entfernten Märkten gefahren. Die Geflügelhändler besitzen meist keine Tiefkühltruhen - oder der Strom ist gerade  mal wieder ausgefallen -, so dass die Tiefkühlkette unterbrochen wird.

Eine groß angelegte Aktion der Bürgerbewegung ACDIC in Kamerun hat untersucht, welche Auswirkungen diese Transportbedingungen auf  das Fleisch haben. Die Abkürzung steht für „Assciation Citoyenne de Défense des Intérêts Collectifs (Bürgervereinigung für die Verteidigung gemeinsamer Interessen). Sie entnahmen 200 Stichproben an 28 Verkaufsständen in unterschiedlichen Orten Kameruns und veröffentlichten die Ergebnisse im März 2004: 83,5 Prozent der untersuchten Hähnchenteile waren für den menschlichen Verzehr ungeeignet. Der Mikrobenbesatz lag bis zu 180-fach über den EU-Höchstwerten für Geflügel. 15 Prozent der Stichproben enthielten Salmonellen und an etwa jeder fünften Probe fand sich Campylobacter, dem nach Salmonellen zweithäufigsten Erreger entzündlicher Durchfallerkrankungen. „Ein Desaster für die Gesundheit  der Bevölkerung“, so das Fazit von ACDIC.

Es könnte auch ein Desaster für die einheimische Geflügelzucht werden, wenn nicht massive Aufklärung eine Wende herbeiführt. Nicht nur die Züchter verlieren ihre Existenzgrundlage und verschulden sich hoch mit Krediten, um noch Küken und Futter kaufen zu können. Der Produktionsrückgang hat bereits die Existenz der Bäuerinnen und Bauern zerstört, die dieses Futter anbauen. Verloren gingen auch Arbeitsplätze an den Schlachthausständen auf den Märkten, wo die lebenden Hühner geschlachtet, gerupft und ausgenommen werden.

Die Bürgervereinigung ACDIC geht auf eine Partnerorganisation des deutschen Evangelischen Entwicklungsdienstes mit Namen SAILD zurück, mit vollem Namen Service d’Appui aux Initiatives Locales de Développements (Unterstützungsdienst für lokale Entwicklungsinitiativen). Unter ihrem Dach arbeiten Betroffene, um gemeinsam mit politischer Lobby- und Überzeugungsarbeit gegen die „Hühner des Todes“ anzugehen. In Kamerun hat diese Bewegung inzwischen schon Erfolge erzielt. Es hat sich herumgesprochen, wie schädlich die Hühnerteile sind und in der dortigen Bevölkerung ist es inzwischen verpönt, Gästen europäisches Huhn anzubieten. Die Nachfrage nach diesem Fleisch sinkt.

Ghana unter Druck

Die Importe gehen auch nach Ghana. Proteste erreichten zwar einen Beschluss des Parlaments, den Einfuhrzoll zu erhöhen, doch auf Druck der Weltbank wurde er nicht umgesetzt, schließlich sogar in einer neuen Abstimmung gekippt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Europäische Union (EU) unterlaufen damit ihr eigenes erklärtes Ziel, Armut in der Welt zu lindern. Der Hintergrund dieser fatalen Entwicklung offenbart ein Verhalten von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF), das deren vollmundige Versicherungen, gegen die Armut in der Welt zu kämpfen, ins Gegenteil verkehrt:

Mit ihrem Widerstand gegen die geringen Einfuhrzölle für Hühnerfleisch - übrigens auch für Reis und Tomaten – erreichten die ghanaischen Bauern 2003, dass das Parlament mit großer Mehrheit beschloss, den Zoll für Hühnerfleisch und Tomaten von 20 auf 40 Prozent zu verdoppeln, für Reise von 20 auf  25 Prozent zu erhöhen. Dieser Beschluss war durch die Regeln der Welthandelsorganisation gedeckt, die eine Zollerhöhung als Schutz für ruinöse Billigimporte erlaubt.
Zur gleichen Zeit, im Februar 2003, verhandelte Ghana über den Erlass seiner Auslandschulden mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sowie über einen neuen Kredit von 258 Millionen US-Dollar für die nächsten drei Jahre. Voraussetzung dafür war, dass das Land sein Armutsreduzierungsprogramm erfüllt. Um das zu überprüfen, kam eine Mission von IWF und Weltbank nach Ghana.

Bei einer Sitzung der Delegation mit der Regierung zeigte sich der IWF-Vertreter gar nicht erfreut über den Zoll-Beschluss des ghanaischen Parlaments. Er „empfahl“ dem Finanzminister, das Gesetz nicht anzuwenden mit der Begründung, es schade den „ärmsten Schichten in den Städten“, da die entsprechenden Waren dann teurer würden. Und schon eine Woche nach dem Parlamentsbeschluss und der Sitzung mit dem IWF gab die Regierung den Zollbehörden die Anweisung, die beschlossenen erhöhten Zölle nicht zu kassieren, weil das den Interessen des Landes zuwider laufe. Die Bauernorganisationen in Ghana protestierten und fragten, ob Demokratie nur gelte, wenn es den internationalen Geldgebern passe.

Im April 2003 traf sich das IWF-Team erneut mit der Regierung, um den Abschlussbericht und eine Presseerklärung über den Erfolg der ghanaischen Bemühungen zu präsentieren. Auch EU-Handelskommissar Pascal Lamy weilte zu der Zeit in der Hauptstadt Accra, um mit der Regierung den Beginn des Freihandelsabkommens abzusprechen. Bei einem Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft erklärte er seinen Unmut über den Beschluss des Parlaments, einige Agrarzölle zu erhöhen. Und er kündigte an, seine Kritik auch der Regierung mitzuteilen.

Schon am nächsten Tag versicherte der Finanzminister Ghanas in einem Schreiben an den damaligen IWF-Direktor und heutigen deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler dass „the revisions have been made…and we stand ready to take further corrective actions that may be needed“ (dass die Rücknahme erledigt sei… und wir bereit sind, weitere Korrekturen auszuführen, wenn sie benötigt werden). Die ghanaische Regierung hatte sich dem Druck der internationalen Geldgeber endgültig gebeugt.

Notstandsgesetz für Hühner und Tomaten

Der Geflügelzüchterverband mit seinen über 4000 Mitgliedern gab jedoch nicht auf. Er verklagte die Regierung wegen „Unterlassung“. Der Prozess zog sich zwei Jahre hin, bis eine mutige Richterin die Regierung im März 2005 dazu verurteilte, das bestehende Gesetz umzusetzen. Die Regierung und die internationalen Geber reagierten sofort. Umgehend wurde ein neues Gesetz zusammengezimmert, das die Zollerhöhungen aufheben sollte. Am folgenden Tag wurde es als Dringlichkeitsgesetz eingebracht und eine Woche später vom Parlament behandelt. Ein solches Eilverfahren erlauben die ghanaischen Gesetze nur zur Abwehr akuter innerer oder äußerer Gefahren oder wenn der Ausnahmezustand ausgerufen wird. Die Regierung erklärte das Verfahren zum „Notstandsereignis“, denn durch das richterliche Urteil könnten die Umschuldungsverhandlungen mit den Gebern scheitern und folglich die innere Sicherheit des Landes gefährdet sein. Mit 94 zu 92 Stimmen wurde das Notstandsgesetz wegen der Hühner und Tomaten beschlossen. Eine Klage der Bauernorganisation gegen dieses zweite Gesetz liegt seit zwei Jahren beim Obersten Verfassungsgericht des Landes.

Der Geflügelproduktion Ghanas droht inzwischen das Aus. Während die lokalen Kleinbauern noch vor wenigen Jahren rund 80 Prozent des einheimischen Bedarfs produzierten, sind es heute nur noch zwischen drei und fünf Prozent. Der Züchterverband versucht jetzt, die Produzenten und die Politik in Europa davon zu überzeugen, dass die europäischen Hühnerexporte die vollmundigen Bekenntnisse der EU zur Armutsbekämpfung in der „dritten“ Welt in ihr Gegenteil verkehren. Deutlich wurde die ghanaische Agrarministerin Anna Nyamekye in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ im Juni 2007: „Wissen Sie, warum Venezuela sich wehren kann? Weil es Öl hat! So würden wir es auch gerne machen.“

Quellen:
Evangelischer Entwicklungsdienst, Norddeutsche Mission, Frankfurter Rundschau, „Weltspiegel“ der ARD, Accra-Mail