Briefe und Berichte zeugen
von der Fremdheit zwischen
den Kulturen und den Menschen.

Ärgernisse und andere Denkwürdigkeiten

Als die christlichen Missionare sich nach Afrika aufmachten, nahmen sie ihre Kultur und ihre Wertvorstellungen mit. Musik war für sie eine Quelle der Erbauung und ein Mittel, Gott zu loben. Beerdigungen hatten auf dem Friedhof stattzufinden. Alkohol und wilde Tänze waren Teufelszeug und andere Missionen Konkurrentinnen. Bete und arbeite hieß die Losung, mit der sie in Afrika auf Menschen stießen, die völlig anders sprachen, glaubten und lebten. Viele hatten Erfahrungen mit der Sklaverei hinter sich, sie waren über europäische Handelshäuser bereits mit Feuerwaffen, Geld, Pocken und hochprozentigem Alkohol in Berührung gekommen. In ihren Briefen und den regelmäßigen Berichten an die Norddeutsche Mission (NM) verliehen die christlichen Botschafter ihrem Erschrecken oder auch ihrem Zorn mitunter drastisch Ausdruck. Diese Unterlagen sind Bestandteil des umfangreichen Archivs der NM, das im Bremer Staatsarchiv aufbewahrt wird. Eine kleine Auswahl aus Texten des 19. Jahrhunderts vermittelt einen Eindruck von dem, was die Autoren und Autorinnen in Afrika vorfanden und wie sie darauf reagierten:


Bernhard Schlegel 1854 aus Keta:

Was ist das für ein Schießen? Und horch, wie sie so kurios trommeln! Da ist jemand gestorben. Der Fetischpriester ist geholt worden. Die Furcht treibt zu Seltsamem. Gar unheimlich wird gemurmelt und gebrummelt und auch Rum getrunken. Der Priester gibt Begräbnisverordnungen und macht allerlei finstere Sachen. Unter seiner Hütte Boden begräbt man die Leiche... Neulich gruben wir aus einer Sandgrube hinter unserem Haus Menschengebeine und allerlei sonstige Sachen aus. Das war ein Grab. Da stand früher eine Hütte. Unter den Sachen waren auch Kauris, damit der Verstorbene auch die Fahrt über den Volta bezahlen und etwas Tabak kaufen könne. Eine Tabakspfeife hatten ihm die Hinterbliebenen ebenfalls mitgegeben, damit er nicht, wenn er sie ermangle, sich beunruhige. Zwei kleine irdene Töpfe enthielten Opfer, damit nicht nachher die bösen Geister Unruh und unheimlich Geräusch um sein Grab machen… Kurz nachher kam eine alte Frau, die da drüben wohnt, neben dem Fort, um auf dem Grab für den Verstorbenen zum opfern. Sie fand die Stätte nicht mehr und fing an zu lamentieren, opferte aber endlich in der Nähe unter viel Murmeln und Mehlstreuen und Pilottrinken nach altherkömmlicher, von den Priestern vorgeschriebener Weise.


Johannes Merz 1873 aus Waya:

Seit längerer Zeit hört man, dass Pocken an der Küste sind. Kürzlich trug man einen kranken Anoer durch Waya am Abend. Er soll die Pocken haben. Sogleich wurde ein Gesetz gemacht, dass keine Trommel geschlagen, auch keine Glocke geläutet, dazu noch sämtliche Hähne getötet werden sollen. Das erste Mal wagte es niemand, (uns) das Gesetz mitzuteilen, das zweite Mal kam eine Gesandtschaft, ein Ältester und einige andere Männer… Ich erklärte darauf der Gesandtschaft einfach: Sieben Mal läute ich meine Glocke – wollen sie dies nicht haben, dann mögen sie die Glocke zerstören. Unsere Hähne bleiben leben. So kurz hatten sie mich nicht erwartet. Der Älteste ging erzürnt und beschämt fort. Später hielt ich ihnen ihre Torheit vor. Ich dachte, am nächsten Sonntag werden sie kaum dem Ruf der Glocke folgen – trotzdem kamen alle zum Gottesdienst. Vor ein paar Tagen machten sie ein kleines Gehege auf dem Weg, dass der Pockengeist von Anlo nicht in die Stadt komme. Nun hatte ich es zu überschreiten, ehe ich in die Stadt ging. Das tat ich nicht, sondern habe es einfach fort geschafft.

Ich liebe solche Geschäfte nicht, aber in Waya tue ich es um der Leute und meiner Kinder willen. So viel Macht habe ich auch durch meine Doktorpraxis. Gerade in letzter Zeit habe ich schöne Erfolge. Wiederholt wurde ich zu Leuten gerufen, die wie tot dalagen. Solche Fälle sind immer für ihren Aberglauben schrecklich, denn das kann nichts Anderes sein als Ursache eines bösen Geistes. Im Augenblick weiß auch ein Geisterbeschwörer (nur) eine Lüge  vorzuschützen. Die Leute lassen sich aber weit weniger verführen. Bin ich bei einem solchen Kranken, so müssen sie natürlich alles Andere bleiben lassen. Einmal sahen sie dann,  wie ich nur Mittel gebrauche, die sie auch anwenden können. Dann weise ich sie auf den großen Arzt. Nach solch einem Fall kommt dann die ganze Verwandtschaft und dankt mir. Dieses ist immer eine gute Gelegenheit, die Leute auf den großen Arzt der Seelen zu leiten. Selten vergessen sie nun zu sagen: „Mawu enye ga – Gott ist groß.“


Gottlob Binetsch 1884 aus Keta:

Der Missionar äußert sich zum Verhältnis zur benachbarten englischen Kirchengemeinde, in der er mit Gottesdiensten aushalf. Dort gab es eine schwarze Freiwilligen-Armee, nach deren Vorbild auch in Keta eine aufgestellt werden sollte. Das lehnt Gottlob Binetsch ab.

Wir kennen die Verhältnisse, wir kennen die Glieder der englischen Gemeinde zu gut. Der Anstifter dieser Armee ist der Sohn des verstorbenen Williams hier, der eben ein solch anstößiges Leben führt wie sein Vater und schon einmal dem Säuferwahnsinn verfallen war. Ich bin überzeugt, die Gemeinde war anfänglich an mich, ehe ich Keta verließ, das bewies die Deputation, die sie mir zusandten und das Andenken, das sie mir gaben. Nur dieser eine Mann zieht alles an sich und sie folgen blind und sind gegen mich…

Dann hielt ich ihnen vor, wie ich mich bemüht habe, so lange ich in Keta sei, der englischen Gemeinde zu helfen durch zwei Gottesdienste und getrenntes Abendmahl. (Habe leider nur ein paar Kommunikanten gehabt.) Dann sagte ich ihnen, weshalb wir eigentlich hier seien, die Hauptsache unserer Mission seien ja doch die Bewohner der Sklavenküste und der englische Gottesdienst sei doch nur nebenher und als „Kindness – Freundlichkeit“ zu betrachten. Wie wunderte ich mich, als Mr. Williams aufstand und sagte, dass er es nicht ertrage, hier zu sein und weinte wie ein Kind. Bruder Zurlinden wusste, worum es sich handelte, und ich sagte, das sei ein totales Missverständnis und wollte es erklären. Aber die Herren ließen sich nicht halten, sondern rannten heraus wie von der Viper gestochen ihrem blinden Führer nach. Ich muss wohl nicht erwähnen,  dass mein Herz an nichts Anderes dachte bei diesem Ausdruck (Sklavenküste), um sie zu verletzen, überhaupt sind sie ja nur Fremdlinge hier und reden von den Eingeborenen  als „Natives“ und „Bushpeople“. O wie blind sind doch die Leute, wie eingebildet, und selbst in Keta will ich den Nachweis liefern, dass die Sklaverei  nicht abgeschafft ist und unsere Küste und noch mehr das Innere den Namen mit Recht führt. …

Th. Williams soll gestern gesagt haben, der Ausdruck Sklavenküste soll ihm weher getan haben als der Tod seines Vaters. Ich danke Gott, dass wir so gehandelt haben, und wenn die Herren Sierra Leoner keinen Gottesdienst mehr haben wollen - um so mehr können wir für die eigentliche Mission unter den Eweern tun.


Carl Wilhelm Osswald 1895 aus Keta:

Macht man einen Gang durch die Straßen der Stadt, so sieht man fast Laden an Laden und in den meisten wird Schnaps verkauft. Aber auch sonst kann man alles Mögliche in den Läden kaufen als Schinken, Würste und dergleichen, Konserven und Getränke, Zigarren und Anderes mehr. Das alles wird von den Eingeborenen, die viel Geld verdienen, zu hohen Preisen wie wir sie nicht bezahlen könnten, gekauft… Eine andere unangenehme Folge, die eine “Großstadt“ mit sich bringt, ist auf die Bevölkerung selbst übergegangen. Die Ketaer haben viel angenommen von den schlechten Europäern, von den Lagos- und Sierra Leone-Leuten und anderem Volk, das unter dem Himmel ist. Es scheint, als ob die Ketaer keine afrikanischen Heiden mehr wären, man sieht wenigstens wenig vom Götzendienst, um so mehr aber vom Fleischesdienst. Sie sind aufgeklärt und haben – wenigstens die Männer – den Wahlspruch: „Lasset uns essen und trinken und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot.“…

Man staune und wundere sich, wenn man hört, dass in Keta allein fünf Clubs sich befinden. Ihre Namen sind: 1. Invincible Club, 2. Confidential Society, 3. Mutual Improvement Club,  4. Debating Club und 5. Union Society. Die Mitglieder dieser Clubs sind gebildete Heiden, ausgeschlossene Christen, Clerks, Beamte usw. Ob auch ausgeschlossene Christen darunter sind, muss ich erst herausfinden, ich vermute es. Die beiden erstgenannten Clubs helfen zusammen im Lärmen und Schreien und Trommeln des Abends und machen oft großen Skandal. Diese beiden haben auch eine Tanzstunde, welche von einigen schwarzen Regierungsbeamten geleitet wird. Es gehen auch junge Mädchen hin, die bei den Schwestern sind… Die anderen Clubs besprechen bei ihren Zusammenkünften Dieses und Jenes, was zum Wohl der Stadt beitragen soll, oder es wird auch etwas gelesen. Christlichen Charakter haben sie natürlich nicht.


Herrmann Schosser 1900 anlässlich des Missionsfestes in Wodze:

Nachmittags gegen vier Uhr kam eine Karawane von einigen hundert Leuten von Avatime, Ve, Leklebi, Agome, Kpoeta, Gbedzigbe. Die Leute hatten sich alle in dem eineinhalb Stunden von Wodze entfernten Xave gesammelt und erschienen nun alle miteinander, als die Hitze des Tages sich etwas gelegt hatte. Da, nachdem ein wenig Ruhe eingetreten war, erscholl plötzlich Musik mit Trommeln und Pauken begleitet. Es klang ähnlich, als ob eine deutsche Bataillonsmusik ankäme, doch dazu fehlte noch etwas oder vielmehr war es zuviel, denn es wäre für einen Musikkenner seine Ohren betäubend gewesen. Unsere Leute aber jagten und liefen, was sie konnten, der Straße zu und wir konnten den Oberhäuptling von Leklebi begrüßen, der, von seinen Leuten in der Hängematte getragen, mit Musik einrückte…

Eine Bitte, sagte ich, habe ich heute und die ist, dass ihr heute nur Zuhörer seid und alle eure Musikinstrumente zu Hause lasset. Die alten Herren waren das ganz zufrieden, nur die jungen machten etwas verdutzte Gesichter…. An dem 11. November des Jahres war keine Not zu fühlen gewesen, was auch die schöne Sammlung von Eingeborenen 305,50 Mark, von Europäern 164 Mark bezeugte. Mit Dank gegen Gott beschloss ich den Tag, an dem wir ein so schönes Fest feiern durften und gedachte in meiner stillen Klause vergangener Zeiten, in denen ich einmal sieben Wochen mit den Leuten zusammengelebt - in Zeiten, wo auf einige Stunden Entfernung kein grünes Gras mehr zu sehen war und die Heuschrecken drei bis vier Zoll dick die Erde bedeckten und kein Plätzchen auch in den Hütten zu finden war, wo es nicht von dieser Plage wimmelte. Selbst die Heiden haben eine Dankesgabe zum Fest gebracht. Nach dem Nachmittagsgottesdienst übergaben mir die Häuptlinge von Wodze und Umgebung 27 Mark in Geld, dazu zwei Schafe und einen großen Haufen Yams.


Carl Spieß 1903 aus Lomé:


Wird da am 2. Weihnachtstag ein Zirkular gebracht, worin die Herren Europäer von den Eingeborenen aufgefordert werden (es war von zwei Eingeborenen unterzeichnet), nachmittags halb drei an Nationaltänzen teilzunehmen. Der Herr Gouverneur habe sein Erscheinen zugesagt!! Selbstverständlich ging ich nicht. Bruder Hagens war krank, wäre natürlich auch nicht gegangen. Besonders haben sich an dieser Feier die Katholiken beteiligt, indem die Schüler derselben trommelten etc. Der katholische Posaunenchor war ebenfalls vertreten. Nun höre ich, dass diese Nationaltänze und Spiele (Wettlauf, Rennen u. s. w.) zu Ehren des beförderten Gouverneurs veranstaltet wurden. Das stand nicht in dem Zirkular. Solche Ehrung ist mir neu.  Kurz, die meisten Europäer erschienen und welch Unrecht von den protestantischen Missionaren, dass sie nicht erschienen. Der Herr Gouverneur soll bedauert haben, dass kein Vertreter der protestantischen Mission an diesem Ehrentage teilgenommen habe, zumal es ein unschuldiges Fest war. Sonderbar, dass die Katholiken immer genau unterrichtet sind, auch wenn nichts Genaues geschrieben steht. Ob ich – auch bei genauer Mitteilung – gegangen wäre, weiß ich nicht.